Das sind uns die liebsten Change Maker: Sissi Veit übernahm von ihrem Vater ein sehr erfolgreiches Hotel in Obertauern, um dann alles anders zu machen: Umstellung auf Adults-only, internationale Cuisine, 55 Mitarbeitende aus 27 Nationen, Workation an der Skipiste. Mehrere Umweltzertifizierungen. Kein Dresscode, aber nachhaltiger Fun. Und Fotos, die für Wirbel sorgten.
Mut. Das ist das erste Wort, das einem zu Enzian-Gastgeberin Sissi Veit einfällt. Mut, weil sie ein gut laufendes Hotel in Obertauern, einem der bekanntesten Schigebiete Österreichs, komplett auf den Kopf gestellt hat. Mut, weil sie als eine der ersten Hoteliers in Österreich ein Schwarzes Model in die Bildsprache ihrer Werbelinie rückte. Mut, weil Sissi Veit nicht nur eine klare Meinung zum Thema Mitarbeiter-Fairness hat, sondern diese in ihren Betrieben vorlebt.
Das Pionierhafte scheint ihr in den Genen zu stecken – es war der Großvater, der den ersten Lift in Obertauern baute und damit den Startschuss für den Wintertourismus gab. Heute macht sich Sissi viele Gedanken, wie der achtsame Tourismus am Berg stattfinden kann, wie man die Natur ausruhen lässt und warum Coolcation nicht immer cool ist.
Wir sitzen an deinem Lieblingsplatz im Hotel Enzian – vor der raumhohen Glaswand mit Blick in die Bergwelt von Obertauern. Was macht dieser Ort mit dir?
Der Blick auf die Berge holt mich total runter. Es sagt mir: Die Natur überragt mich in ihrer Größe und Kraft. Am häufigsten sitze ich im Sommer hier, wenn wir geschlossen haben. Da lehnen mein Partner Julien und ich uns zurück und machen uns Gedanken darüber, wie unsere Reise weitergeht.
Du warst beruflich viele Jahre auf Reisen. Wie war das Zurückkommen von der großen weiten Welt auf den doch eher einsamen Berg?
Mein Papa hat immer gesagt: Wenn du mit dem Studium fertig bist, schau, dass du rauskommst und dir die Welt anschaust. Es hätte gut sein können, dass ich irgendwo hängen bleibe – in Frankreich zum Beispiel, in der Schweiz oder ganz woanders. Aber wenn du einmal von zu Hause weg bist, lernst du vieles mehr zu schätzen. Weil du plötzlich einen ganz anderen Blick auf die Dinge bekommst, die bei uns in Österreich natürlich sind, wofür ich sehr dankbar bin.
Von welchen Dingen sprichst du da?
Von ganz einfachen. Bei offenem Fenster schlafen. Die frische Luft. Unser Quellwasser, das hinter dem Haus runterkommt. Dieser Reichtum an Wasser, den wir zum Glück momentan noch haben. Und auch das Thema Hitze: Dass wir hier oben immer noch ein Klima haben, das erträglich ist. Die Ruhe. Die Sicherheit. Dass du gute Lebensmittel in einem kleinen Umkreis bekommst. Und bei aller Jammerei: Dass das Gesundheitswesen gut funktioniert.
Auf der Hotelmauer des Enzian steht: „A local base for global minds“. Holst du dir jetzt die große Welt ins kleine Obertauern?
Ich wollte immer den Spirit, den wir international aufgesaugt haben, hier in den Bergen integrieren. Das Enzian als Melting Pot. Nicht nur bei den Gästen, sondern vor allem bei den Mitarbeitenden. Unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe, Herkunft oder Glauben – bei uns werden alle gleich und fair behandelt. Da mein Partner Julien aus Frankreich stammt, wir viel gereist sind und für uns diese Offenheit gegenüber andren Kulturen sehr wichtig ist, wollten wir das auch im Hotel spiegeln. Wir freuen uns, wenn wir ein bisschen mehr Internationalität und Vielfalt zu uns nach Obertauern holen.
Das sollte im Tourismus doch eigentlich kein Thema sein, oder?
Eben schon. Ich habe auf meinen Reisen sechs Monate auf einem Kreuzfahrtschiff gearbeitet, das war eine gute Schule. Aber was mich wirklich schockiert hat, war, wie unterschiedlich Mitarbeitende behandelt werden – je nach Herkunft, Kultur oder Nationalität. Dass gewisse Menschen aus bestimmten Ländern mehr arbeiten müssen oder schlechtere Arbeitsbedingungen haben als Europäer. In meinem Kopf habe ich das als neuzeitliche Sklaverei abgespeichert. Das möchte ich nie wieder erleben. Und ich möchte alles tun, was in meiner Macht steht, um diese Einstellung zu verändern. Deshalb arbeiten heute 27 Nationen bei uns im Enzian – und die Hotelsprache ist Englisch. Und darauf sind wir sehr stolz.
2022 war die Aufregung groß, als du ein Schwarzes Model für eure Hotelfotos ausgewählt hast ...
Ich verstehe einfach nicht, warum in der Hotellerie ständig von Internationalität gesprochen wird, aber nicht darüber, wie man sie nach außen zeigt. Wir leben das, was wir tun. Unser Ziel war und ist: Wir zeigen unseren Mitarbeitenden und unseren Gästen, wofür wir stehen. Leider war es tatsächlich so, dass ich viele Rückmeldungen bekommen habe – nach dem Motto: Was denkt ihr euch dabei, eine Schwarze Frau abzubilden? Das war für mich wirklich schockierend.
Auf der anderen Seite haben wir damit genau die Menschen angesprochen, die so ticken wie wir: weltoffen, divers, tolerant gegenüber anderen Meinungen, Einstellungen und Kulturen. Menschen, die sich austauschen wollen. So ist auch der Slogan „A local base for global minds“ entstanden. Und heute haben wir Gäste, die wirklich zu unserem Haus und zu uns passen.
Das Enzian ist gut gelaufen und dennoch haben Julien und du bei der Übernahme des Hotels sehr viel geändert: Umstellung auf Adults only, keine Halbpension mehr, kein Dresscode. Warum eigentlich?
Als wir den Betrieb vor acht Jahren übernommen haben, merkten wir schnell, dass vieles nicht zu uns passte und uns das so keine Freude bereitete. Wir wollten einen Ort schaffen, der uns und unseren Vorstellungen entspricht – ein Umfeld, in dem wir mit Freude arbeiten und unsere Ideen leben. Viele unserer langjährigen Stammgäste sind uns auf unserem neuen Weg gefolgt, was uns sehr gefreut hat.
Was hat dein Papa dazu gesagt?
Er hat gesagt: Das ist jetzt deine Entscheidung. Und dafür bin ich ihm bis heute dankbar. Er hat aber auch gesagt: Wenn du es gegen die Wand rennst, dann hat das nichts mehr mit mir zu tun. Ich habe das Enzian 40 Jahre lang erfolgreich aufgebaut und geführt. Wie es künftig weiterentwickelt wird, liegt in deiner Hand und ist nicht mehr meine Verantwortung. Natürlich schwingt da ein gewisser Druck mit. So ein Beigeschmack von: Überleg dir das lieber noch einmal. Aber am Ende war es meine Entscheidung – oder unsere Entscheidung. Und ganz ehrlich: no risk, no fun.
Beschreib mal eure neuen Gäste. Wie ticken die?
Sie lassen sich nicht mehr in vorgegebene Rahmen zwängen. Dresscodes sind out. Genauso wie fixe Halbpension-Menüs, bei denen vorgegeben wird, was und wann man isst. Bei uns geht das Frühstück zum Beispiel jeden Tag bis 13 Uhr.
Die Arbeit kommt inzwischen mit in den Urlaub – Vacation ist längst Workation geworden. Viele unserer Gäste sind selbstständig und zeitlich flexibler. Wir kennen das ja selbst: Auch im Urlaub checkt man zwischendurch mal eine Stunde oder zwei die E-Mails. Dafür müssen die Rahmenbedingungen passen. Deshalb gibt es bei uns im Haus eine große Workation-Zone. Da kannst du dich in Ruhe hinsetzen, arbeiten – und danach wieder zu deiner Familie oder in den Urlaub zurückgehen. Der schöne Nebeneffekt: Meistens lernt man dort auch richtig spannende Menschen kennen.
Seit eurer Übernahme hat sich am Arbeitsmarkt einiges verändert. Wie erlebt ihr das heute?
Der Arbeitsmarkt ist heute ganz klar ein Arbeitnehmermarkt. Seit wir uns geöffnet haben, bekommen wir unglaublich viele Bewerbungen, vor allem international. Wir sind auf genau denselben Suchplattformen unterwegs wie alle anderen Hotelkollegen auch. Aber wir ziehen ganz andere Menschen an. Weil wir offen sind und das auch klar nach außen transportieren.
Was macht euch für internationale Mitarbeitende besonders attraktiv?
Unsere Teams profitieren von flachen Hierarchien, abwechslungsreichen Aufgaben und der Möglichkeit, sich persönlich wie beruflich weiterzuentwickeln. Für uns ist es außerdem sehr wichtig, eine große kulturelle Vielfalt im Haus zu haben, in der viele Sprachen gesprochen werden – so fühlen sich auch unsere Gäste aus aller Welt wie zu Hause.
Ihr habt stark in Mitarbeiterunterkünfte investiert. Warum war euch das so wichtig?
Mit unserem neuen Konzept und dem frisch rebrandeten Hotel wollten wir nicht nur ein tolles Gästeerlebnis schaffen, sondern auch ein Umfeld, in dem sich unser Team wohlfühlt. Um talentierte und motivierte Mitarbeiter*innen langfristig zu halten, ist es wichtig, dass nicht nur die Arbeit Spaß macht, sondern sie sich auch besonders in ihrer Unterkunft wohlfühlen, die sie für fünf Monate ihr Zuhause nennen. Deshalb haben wir das erste Geld, das wir mit dem neuen Konzept verdient haben, direkt ins Mitarbeiterhaus gesteckt: Rund 150.000 Euro flossen in die Renovierung und den Ausbau bestehender Zimmer sowie in den Bau neuer Zimmer – ein echtes home of good moods für unser Team.
Was tut ihr konkret, damit sich Mitarbeitende bei euch im Enzian wohlfühlen und langfristig bleiben?
Unser Team soll nicht einfach nur arbeiten, sondern sich wirklich gut aufgehoben fühlen. Und das beginnt ganz konkret beim Essen. Für unsere Mitarbeiter*innen wird täglich frisch gekocht, mit viel Aufmerksamkeit für vegetarische und vegane Gerichte. Keine Alibi-Beilagen, sondern richtig gutes, vollwertiges Essen. Inzwischen kümmert sich sogar ein eigener Koch fast ausschließlich um die Teamverpflegung – bei rund 60 Personen und drei Mahlzeiten pro Tag ein absolutes Muss.
Gesundheit und Ausgleich haben bei uns einen hohen Stellenwert. Unser top ausgestatteter Fitnessraum steht dem gesamten Team offen. Zusätzlich pflegen wir Kooperationen mit Nachbarhotels wie dem Panorama oder dem Schneider: Dort kann unser Team die Wellnessbereiche mit Sauna, Dampfbad und Pool kostenlos nutzen. Umgekehrt nutzen deren Teams unsere Bereiche – bewusst ohne Überschneidung mit den Gästen. Eine Lösung, die für alle Seiten bestens funktioniert. Dazu kommen Benefits, die den Arbeitsalltag spürbar aufwerten: Ermäßigte Skipässe, gemeinsame Skitage oder vergünstigte Stunden mit meiner Schwester, die als Skilehrerin arbeitet, sowie 50 Prozent Rabatt auf Massagen. Wer körperlich arbeitet, darf sich auch bewusst Erholung gönnen – genau das unterstützen wir.
Wie erfolgreich war euer Neustart in Bezug auf das Team?
Das Mitarbeiterthema ist als Erstes richtig gut aufgegangen. Viele kommen wieder und erzählen zu Hause weiter: Komm mit, dort herrscht ein gutes Arbeitsklima. Ich würde sagen, ich muss heute höchstens noch zehn Prozent neue Mitarbeitende suchen – der Großteil kommt von selbst. Und wir haben ja erst zwei Saisonen seit dem Neustart hinter uns.
Wird euer Konzept auch von Einheimischen und anderen Hotels in Obertauern angenommen?
Ja, absolut – und genau das war uns von Anfang an wichtig. Unser Leitsatz „A local base for global minds“ meint nicht nur internationale Gäste, sondern ganz bewusst auch: ein Local Base für Locals. Mit meinen Wurzeln hier am Berg war klar, dass wir einen Ort schaffen wollen, der auch für Einheimische ein „place to be“ ist.
Gerade beim Thema Essen war das ein großer Antrieb. Am Berg gibt es einfach sehr wenig Neues – und insgesamt zu wenige Restaurants im Verhältnis zu den vielen Gästebetten. Weshalb wir uns dazu entschieden haben, zur Klassischen österreichischen Küche ein italienisches und auch ein japanisches Restaurant auf den Berg zu bringen. So war die Vielfalt schonmal garantiert. Das hat für uns viel mit Nachhaltigkeit zu tun: Ein Haus zu schaffen, das nicht nur für Hotelgäste da ist, sondern auch für Menschen aus der Umgebung. Wir wollten diesen offenen Hauscharakter – und der funktioniert. Viele kommen mittlerweile einfach auf einen Kaffee in die Bar, wegen der Stimmung und des Gefühls. Und bleiben dann oft auch zum Essen. Genau so haben wir uns das gewünscht.
Wie siehst du das Thema Sommer, Klimawandel und „Coolcation“ in Obertauern?
Ich empfinde den Sommer in Obertauern als besondere Zeit und bin bewusst vor Ort, auch wenn es in diesen Monaten insgesamt ruhiger wird. Der Begriff „Coolcation“ wird aber oft falsch verstanden. Viele glauben, sie müssten dann nach Norwegen statt nach Griechenland fliegen. Das ist Unsinn, dort kann es genauso heiß sein. Es geht nicht um Norden oder Süden, sondern um Höhe, Berge und die Alpen. Genau deshalb sind Orte wie Obertauern oder Lech eigentlich viel spannender. Aktuell ist Obertauern im Sommer vor allem ein Ort, wohin man vor der Hitze flüchtet. Aber es gibt noch kein echtes Sommerthema, das sagt: Deswegen fahre ich jetzt gezielt hierher. Und genau da müsste man ansetzen – bewusst und nachhaltig.
Wo siehst du aktuell die größten Probleme im Sommertourismus vor Ort?
Was mir Sorgen macht, ist, dass man versucht, den Sommertourismus einfach zu pushen – mehr Werbung, mehr Menschen –, ohne dass die Infrastruktur mitwächst. Obertauern lebt nicht von Vielfalt, sondern von Qualität. Das Angebot an Gastronomie, Einkaufsmöglichkeiten und Aktivitäten ist begrenzt – dafür sind Natur, Ruhe und Landschaft außergewöhnlich. Anstatt auf Masse und neue Infrastruktur zu setzen, liegt die Chance in sanften, naturnahen Angeboten. Der Trailrun mit über 500 Teilnehmer*innen beweist, dass bestehende Wege und authentische Naturerlebnisse ausreichen, um Gäste zu begeistern.
Warum bist du aus unternehmerischer Sicht beim Sommertourismus in Obertauern skeptisch?
Da die laufenden Kosten im Sommer nahezu auf Winter-Niveau liegen – insbesondere Personal- und Betriebskosten – stehen stark reduzierte Sommerpreise in keinem wirtschaftlich tragfähigen Verhältnis. Zimmer werden teils um ein Drittel des Winterpreises verkauft, obwohl der Aufwand vergleichbar hoch bleibt. Etwa 95 Prozent der Betriebe haben im Sommer noch geschlossen. Einzelne Häuser wie das Seekarhaus oder das Panorama zeigen, dass es funktionieren kann – aber nur mit komplettem Umdenken und viel Angebot.
Ich habe Angst, dass Obertauern hier den falschen Weg geht. Der Winter ist ohnehin schon stark ausgelastet, die Natur leidet. Der Sommer war bisher immer die Regenerationsphase für die Berge. Genau jetzt wäre der richtige Zeitpunkt für ein nachhaltiges, qualitativ hochwertiges Sommerkonzept – bevor alles überlaufen wird. Und ich hoffe sehr, dass diese Chance nicht verpasst wird.
Was wünschst du dir, dass eure Kinder in 20 Jahren einmal über eure Arbeit sagen?
Mama, das hast du gut gemacht. Dass sie erkennen, dass ich nicht nur gearbeitet habe, um Geld zu verdienen, sondern um etwas Sinnvolles zu schaffen – um andere Menschen glücklich zu machen, unsere Gäste, aber vor allem auch das Team und unsere Familie.
Wie glaubst du werden wir in 15 Jahren reisen?
Ich glaube, dass Destinationen, die ursprünglich und authentisch sind, immer wichtiger werden. Genau das ist ja das, wonach wir alle suchen. Wenn durch KI und Digitalisierung vieles immer schneller, einfacher und auf Knopfdruck verfügbar wird, wächst gleichzeitig das Bedürfnis nach echten Begegnungen, nach Menschen, nach Authentizität, Regionalität und dem Ursprung einer Destination. Reisen wird bewusster werden. Die Menschen werden sich sehr genau aussuchen, wohin sie fahren. Für eine längere Auszeit oder einen besonderen Urlaub auch auf die andere Seite der Welt. Aber eben ganz bewusst.
Hotel Enzian
61 Zimmer und Suiten
ab 299 Euro pro Zimmer/Nacht
drei Restaurants
flexible Essenszeiten
Lage direkt an der Skipiste
weltoffene Erholungsoase ab 18 Jahren
Spa mit Pool und Wasserbetten, drei Saunen und zwei Dampfbädern
LGBTQ+ friendly