Gastgeber Verena und Georg Pastuszyn
© Henriette Stadthotel / supersusi.com
Wien

„Jetzt ist es wirklich unseres“ – Verena und Georg Pastuszyn vom Henriette Stadthotel Vienna

Interview • Locationtipps

Was passiert, wenn man ein Hotel nicht neu erfindet, sondern weiterdenkt? Wenn aus einer Zukunftsvision das nachhaltigste Boutiquehotel Wiens entsteht? Verena und Georg Pastuszyn vom Henriette Stadthotel Vienna können davon erzählen. Seit der Übernahme des ehemaligen Hotel Capri im Jahr 2008 haben sie ihr Haus transformiert: mit einer Gemeinwohlbilanz, einer klaren Wertehaltung, viel Bio in der Küche, Kreislaufdenken – und zuletzt mit einem Umbau, der alles verändert hat.

Karin Wasner

Seinen Namen hat das Hotel von jener Frau, die ein paar Häuser weiter ein unkonventionelles Leben führte. Als Sängerin und Mutter von sieben unehelichen Kindern heiratete Henriette den Walzerkönig Johann Strauss. 160 Jahre später übernehmen Verena und Georg Pastuszyn das Hotel in der Praterstraße –  damals noch als Hotel Capri – von Georgs Eltern. 

Auch sie mögen es lieber unkonventionell: Verena und Georg denken out of the box, machen Dinge so, dass andere den Kopf schütteln und warnen: Das wird nie was. Sie ändern den Namen und verwandeln es peu à peu in das erste Gemeinwohl-Hotel der Stadt, setzen auf biologische und regionale Produkte. 2025 folgte mit einem umfassenden Umbau die größte Veränderung: Mit der neuen Bar „Der schöne Ernst“, Circular-Living-Zimmern und einem konsequenten Cradle-to-Cradle-Konzept ist ihre Vision nun sichtbar geworden. Oder, wie Georg sagt: „Jetzt ist es wirklich unseres“.

 

Wo ist heute euer Lieblingsplatz im Henriette Stadthotel?

Verena: Im neuen Frühstücksbereich. Diese zusätzliche Ebene hat das Hotel komplett verändert. Abends zieht es mich fast automatisch in den „Schönen Ernst“.

Georg: Ich sitze gern oben im Loungebereich und schaue runter in die Bar. Da passiert Leben. Gleichzeitig hast du den Blick auf die Praterstraße – Radfahrerinnen, Passanten, dieses städtische Treiben. Du bist mittendrin und doch an einem ruhigen Wohlfühlort.

Die Geschichte des Hotel Henriette beginnt ja lange vor euch. Was hat euch geprägt?

Georg: Mein Vater hat das Hotel in den 90ern aus einer heruntergekommenen Pension aufgebaut. Schritt für Schritt, Zimmer für Zimmer. Das war eine enorme Leistung.

Verena: Und dennoch hat uns lange eine klare Idee gefehlt, was das Haus einmal sein soll. Das, was heute da ist, ist stetig gewachsen, wir haben viel nachgedacht und entwickelt.

Henriette Stadthotel Vienna – erstes Gemeinwohl-Hotel in Wien

Seit 2021 stellen Verena und Georg Pastuszyn in ihrem Henriette Stadthotel Vienna alles auf den Kopf. Das Ergebnis: Wiens erstes Gemeinwohl-Hotel, österreischs erstes Hotel mit Circular Living Zimmer, ganz viele Mitarbeiter*innen-Benefits und bio, wo bio möglich ist. 

Wie war das für dich, Georg – in einen bestehenden Betrieb einzusteigen?

Georg: Das Capri war ein Produkt der 90er, ein erfolgreiches Stadthotel, aber ziemlich uncool. Ich wollte mein eigenes Ding machen. Irgendwann hab ich verstanden: Ich kann das gestalten. Aber ich hätte nie gedacht, dass dieser Weg 17 Jahre dauert.

Wann wurde aus dieser Idee eine klare Vision?

Verena: 2018 haben wir unsere Zukunftserzählung geschrieben. Da stand plötzlich alles drin: ein neuer Name, die Gemeinwohl-Ökonomie.

Georg: Von Anfang an war da auch der Wunsch, dass unsere Mitarbeiter*innen zu den glücklichsten der Branche gehören, die Sehnsucht, etwas zurückzugeben. An die Region, an die Menschen, an die Nachbarschaft.

Der große Umbau 2025 war da ein entscheidender Schritt. Was hat er verändert?

Georg: Wir wurden plötzlich sichtbar. Durch die bunte Fassade, die offene Glasfront und natürlich durch unsere Bar, den „Schönen Ernst“. Sie beziehungsweise er hat als Tagesbar nach italienischem Vorbild das Haus geöffnet. Früher waren wir hinter der Fassade eines Wohnhauses fast unsichtbar. 

Verena: Der Umbau hat unsere Metamorphose abgeschlossen. Die Werte waren vorher schon da – aber jetzt sieht man sie auch. Die Verbindung ins Grätzel ist jetzt da. Wir hören oft: „Ich wohne seit 10 Jahren hier und hab euch erst jetzt gesehen.“ Genau das hat uns gefehlt: Jetzt ist da ein Ort, an dem Leben stattfindet – auch für Wienerinnen und Wiener.

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© Henriette Stadthotel / supersusi.com

Henriette ist ja mehr als ein Name. Wer oder was ist Henriette für euch?

Verena: Henriette steht für unsere Werte. Für ein gutes Miteinander an einem guten Ort. Fürs Team, für Gäste, fürs Grätzl und für die Umwelt. 

Georg: Henriette sind viele. Unsere Gäste, unser Team, wir selbst. Es ist die Summe von allem, was wir hier leben.

Die Gemeinwohl-Ökonomie spielt dabei eine zentrale Rolle. Was hat sie bei euch verändert?

Georg: Sie hat unseren Blick komplett verändert. Wir haben ja immer schon unwissentlich nach ihren Prinzipien agiert. Aber plötzlich hatten wir verstanden, dass man das auch strategisch angehen kann: den Wunsch, dass es allen gut geht, die mit dem Unternehmen zu tun haben, genauso wie den wirtschaftlichen Erfolg.

Verena: Und sie macht Dinge messbar. Wir arbeiten unsere Themen systematisch ab – von Menschenwürde bis Umweltwirkung.

Cradle to Cradle ist euch eine Herzensangelegenheit. Wie kam es dazu?

Verena: Das Thema entstand aus einem misslungenen Musterzimmer. Der Ärger darüber und der Wunsch nach natürlichen Materialien traf auf mein inneres Interesse an der Wiederverwertung von Materialien. Ich habe mich dann mit dem Thema Kreislaufwirtschaft und Wohngesundheit beschäftigt und gemerkt: Das will ich für die Henriette.

Georg: Es verändert den Blick komplett. Du denkst Bauen und Materialien plötzlich als Teil eines Kreislaufs – nicht als etwas mit Ablaufdatum, das irgendwann entsorgt wird.

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Porridge-Vielfalt im schönen Ernst
© Der schöne Ernst / Sander Goossens
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Familie in der Familiensuite im Hotel Henriette
© Henriette Stadthotel / supersusi.com

Wie zeigt sich dieses Kreislaufdenken konkret im Hotel Henriette?

Verena: Zum Beispiel in unseren Circular-Living-Zimmern. Die Hälfte der Materialien, die wir verbaut haben, sind technologisch kreislauffähig, viele haben sogar schon bei uns ihr zweites Leben. Der Holzboden ist 120 Jahre alt und wurde in der Wien Energie Zentrale ausgebaut und wiederaufbereitet, die bunten Waschtischmöbel waren früher Kühlschränke. Genau das macht es einzigartig und spannend: Da stecken Geschichten drin.

Wohngesundheit ist für euch ebenso ein wichtiger Punkt. Wo konntet ihr da eingreifen?

Verena: Wir reinigen die Zimmer schon lange chemiefrei und haben die Betten komplett mit Naturbettwaren ausgestattet. Bei uns gibt es beispielsweise atmungsaktive Decken aus Mais, Bettwäsche aus 100 Prozent Bio-Baumwolle und Kissen aus Bio-Wolle. Wir haben gemerkt: Die Gäste schlafen einfach viel besser. Es war dann der nächste logische Schritt, in den neuen Zimmern darauf zu achten, dass wir Materialien verwenden, die nicht ausdampfen, die wohngesund sind. Das schafft eine komplett andere Wohnatmosphäre.

Georg: Wir haben die neuen Wände aus Strohpaneelen gebaut und mit Wolle gedämmt. Für Oberflächen haben wir mineralische Wandfarben von einem Naturfarbenhersteller aus Deutschland verwendet. Die Betten wurden aus „Organic Boards“ gefertigt – mit Recyclingholz und OrganicGlue.

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Wie werden die Wiener Circular-Living-Zimmer angenommen?

Georg: Sehr gut. Die Gäste fühlen sich superwohl. Gleichzeitig merken wir: Wir müssen noch besser erklären, was dahintersteckt. Das Konzept erschließt sich oft erst im Detail.

Verena: Mit einer kleinen Ausstellung wollen wir erzählen, was uns begeistert. Zeigen, wie viele Fischernetze im Teppich stecken, was bei uns in den Wänden drin ist und warum auch die frisch gestrichenen Zimmer nicht stinken. 

Ihr habt ein großes Team – wie nehmt ihr alle auf diesem Weg mit?

Verena: Über Austausch. Wir haben viele Gespräche, Werte-Meetings, gemeinsame Formate, wo wir an unserer Kultur feilen. Oder einfach jeden Tag beim gemeinsamen Mittagessen – das schweißt zusammen.

Georg: Es geht darum, an einem Strang zu ziehen, miteinander zu arbeiten statt nebeneinander. Das klingt abstrakt, ist aber ganz konkret: zuhören, reflektieren, gemeinsam besser werden.

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Hausgemachtes Granola im Hotel Henriette
© Henriette Stadthotel / supersusi.com
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Reinigung mit Mikrotrockendampf im Hotel Henriette
© Henriette Stadthotel / supersusi.com

Was bedeutet nachhaltiges Wirtschaften für euch im Alltag?

Georg: Bewusste Entscheidungen treffen – und nicht alles sofort. Verantwortung übernehmen. Für das, was wir tun, aber auch für das, was wir nicht tun.

Ihr seid Eltern – hat das euren Weg beeinflusst?

Georg: Für mich war Nachhaltigkeit immer schon logisch. Als Jugendlicher hab ich gesagt, ich werde nie Auto fahren, weil Autos verpesten die Umwelt. Daran hab ich mich nicht gehalten, aber wir agieren mit Hausverstand und reflektieren, was wir tun. 

Verena: Ich komme von einer Landwirtschaft, da war es selbstverständlich, mit der Natur zu Leben und mit dem Erbe der vorigen Generationen. Im Sinne der heranwachsenden Generation zu agieren, war immer selbstverständlich.

Apropos Zukunft: Was denkt ihr, bringen die nächsten Jahre für den Tourismus?

Georg: Ich glaube, die Extreme werden noch stärker: Einiges wird automatisiert und entmenschlicht und deshalb günstiger, auf der anderen Seite wird das Bedürfnis nach Persönlichem, Menschlichem, Natürlichem steigen.

Verena: Ich glaube, dass Orte mit Charakter in unserer Welt immer wichtiger werden und dass es menscheln darf.

Was kommt als Nächstes für die Henriette und den Schönen Ernst?

Verena: Jetzt gehen wir wieder in die Tiefe. Erst mal gibt es keine großen, neuen Projekte, sondern wir wollen die Details verbessern, an Schrauben drehen und das Vorhandene verdichten.

Georg: Wir wissen jetzt, wer wir sind. Nun geht es darum, das weiterzuentwickeln – Schritt für Schritt.

Die Stärken des Henriette Stadthotel Vienna

Kreislaufwirtschaft
Kreislaufwirtschaft
Regionale Wertschöpfung
Regionale Wertschöpfung
Mitarbeiter*innen-Fairness
Mitarbeiter*innen-Fairness

Kontakt &
Buchungsanfragen

Praterstraße 44–46
1020 Wien

Henriette Stadthotel Vienna

66 Zimmer, 6 Suiten

ab 127 Euro pro Zimmer/Nacht

das Team verrät Lieblingsplätze

Austro-Apero-Bar "Der Schöne Ernst" im Erdgeschoss

alle Nachhaltigkeitsmaßnahmen transparent auf der Homepage

Henriettes Bio-Frühstück

nahe Stephansdom und Prater

U-Bahn-Station vor der Hoteltür

Visionär*innen