Familie Zelger-Mahlknecht
c Naturhotel Pfösl
Deutschnofen

Familie Zelger-Mahlknecht – Naturhotel Pfösl 

Interview • Locationtipps

Mit der richtigen Portion an Mut und Demut geht die Eigentümerfamilie Zelger-Mahlknecht im Naturhotel Pfösl den Weg der Nachhaltigkeit. Was ihr Herz berührt, was die Welt jetzt braucht und wie sie Gäste und Mitarbeitende mit ihrer Passion inspirieren, verraten Brigitte, Eva und Daniel im Interview.

Petra Percher
12. September 2023

Familie Zelger-Mahlknecht. Das sind Brigitte, Eva und ihr Mann Daniel. Im Südtiroler Eggental kennt jeder die drei Gastgeber vom Naturhotel Pfösl in Deutschnofen nahe Bozen. Bevor wir mit dem Trio tief in das Thema achtsamer Urlaub abtauchen – starten wir noch eine kleine Vorstellungsrunde: Eva, die Chefin, ist die gelernte Gastronomin, die schaut, dass es Gästen und Mitarbeitern gut geht. Sie hat bei allen Entscheidungen das letzte Wort, ist zuständig für HR und betreut die Bereiche Service und Spa. Sie ist Bikeguide und Yogalehrerin und gilt als die Kreative und Mama im Haus, ist feinfühlend und achtsam.

Das Schaffen einer angenehmen Atmosphäre ist ihr Steckenpferd, auch weil es wichtiger Bestandteil des Wohlfühlens ist. Sie macht aus ausgetrunkenen Flaschen tolle Vasen und bald töpfert sie eigenes Geschirr für das Hotel. Ihre Schwester Brigitte sprudelt immer vor Ideen, sie ist neugierig und eine begnadete Netzwerkerin. Die studierte Betriebswirtin ist umtriebig und hilfsbereit, in Politik und Vereinigungen aktiv. Kräuter sind ihre Passion – das bemerkst du sofort im Hotel. Als diplomierte Kräuterexpertin und Wanderführerin begeistert sie die Gäste. Brigitte ist für die Bereiche Housekeeping, Rezeption und für die gesamte Kommunikation im Hause zuständig. Daniel ist der Quereinsteiger, zugeheiratet von der anderen Talseite. Er kommt aus dem Genossenschaftssektor, wo er lange Zeit in leitender Funktion tätig war. Er ergänzt das Frauenduo seit dem großen Umbau des Pfösl 2017. Nun kümmert er sich um die Bereiche Küche, Finanzen, Technik und Landwirtschaft samt neuer Ochsenzucht.

 

Pfösl-Trio: "Was unser Herz berührt"

Das Pfösl hat sich mit euren Eltern vom einfachen Gasthaus zum Vier-Sterne-Hotel entwickelt und mit euch zu einer Oase für achtsamen Urlaub. Wie kam das?

Eva: Unsere Eltern haben eine andere Zeit erlebt. Das war der Aufschwung und eine Art von Luxus, die wir heute als zu viel empfinden. Was hier gewachsen ist, war nicht mehr gut genug. Das Hirsch- und Lammfleisch kam aus Neuseeland – verrückt! Wir haben gesagt, das geht so nicht.

Brigitte: Eva und ich haben das Naturthema immer schon als roten Faden mit uns getragen, und den lassen wir immer intensiver in den Betrieb einfließen.

Was bedeutet Nachhaltigkeit für euch?

Eva: Achtsamkeit – ein achtsamer Umgang mit Allem – mit Menschen und Ressourcen.

Brigitte: Innovative, zukunftsfähige Unternehmensführung. Dass wir Menschen mit Themen, mit unserer Passion und Freude mitnehmen und inspirieren. Das ist für mich Nachhaltigkeit.

Daniel: Nicht größer, schneller, weiter, sondern genau die Qualität für Gäste bieten, wie ich sie selber auch haben möchte.

Das Pfösl ist ein ökologisches Architekturjuwel in Südtirol – wie tickt ihr als Gastgeberfamilie? Lasst uns hinter die Idee eurer Veränderung blicken...

Daniel: Je mehr man sich mit Themen wie achtsam produzierte Lebensmittel, Food Waste, Energieeinsparung oder Kreislaufwirtschaft beschäftigt, umso mehr merkt man, wie schwierig es eigentlich ist, selbst achtsam zu leben und zu wirtschaften. Die Thematik ist sehr komplex. Wir versuchen bei der Umsetzung unserer Pläne unsere Umgebung einzubinden, und Unwichtiges wegzulassen. Das gilt für alle Bereiche – für unsere Leistungen, unsere Produkte, die Architektur und so weiter. Vielleicht kann man es zusammenfassen als weniger ist mehr. Das Wenige muss eine viel höhere Qualität haben.

Eva: Wir wollen ein Feinkostladen sein, kein Supermarkt.

Brigitte: Wir haben eine schöne Laudatio von der Wellnessaphrodite bekommen, wo gesagt wurde, dass wir Gäste niemals zum Verzicht auffordern, sondern immer zum Genuss. Zum Beispiel durch das bewusste Wahrnehmen, wenn wir das Essen zum Tisch servieren. Das ist nicht so hektisch und stressig wie am Buffet und reduziert gleichzeitig Food Waste.

Naturhotel Pfösl – Quelle der Erholung

Vom einfachen Gasthaus zum Wohlfühlhotel, das dich rundum tief berührt – mit sinnlicher Öko-Architektur, 1-a-Blick auf die Dolomiten, gesundem Essen und viel Ruhe und Bewegung. Im Südtiroler Wellnesshotel Pfösl kannst du sogar Brotbacken lernen.

Bleiben wir beim Essen. Zum Pfösl gehört ja eine Landwirtschaft und sogar ein Roggenacker für das Brot...

Daniel: Das Arbeiten mit der Natur geht für uns in der Küche weiter. Dafür nutzen wir unsere Landwirtschaft mit dem Roggenacker, dem Permakulturacker, dem Kartoffelacker, den Kräuterbeeten und Bienen. Wir haben jetzt auch mit einer Ochsenzucht begonnen – Grauviehochsen, eine autochtone Südtiroler Rasse. Den Fleischkonsum grundsätzlich reduzieren, dafür Fleisch anbieten, von dem wir wissen, wo es herkommt und wie es produziert wurde. Das ist unser Ziel.

Den regionalen Einkauf beschreiben viele Hotels als schwierig, weil zu wenig qualitativ passende Produkte angeboten werden. Wie geht ihr das an?

Brigitte: Wir durften das Projekt Eggental regional mitentwickeln. Bauern fragen uns Hoteliers ganz einfach über Whatsapp: Was braucht ihr? Welche Produkte sollen wir entwickeln? Es funktioniert auf Augenhöhe und stärkt beide Seiten. Das Netzwerk gibt es nun das dritte Jahr mit 28 Hotels und 11 Bauern, die uns beliefern. Gleichzeitig haben wir es bei unserer größten Einkaufsgenossenschaft geschafft, dass alle unsere Lieferanten auszeichnen müssen, woher die Produkte kommen.

Daniel: Wir verwenden immer zuerst Produkte von unserem Hof, dann vom Dorf und aus dem Tal. So halten wir auch den Kreislauf im Eggental in Gang.

Ihr seid hier aufgewachsen, tief verwurzelt und kennt vermutlich jeden Bauern.

Eva: Ja, ich durfte hier aufwachsen und unseren Pfösl entwickeln und wachsen lassen. Ich spüre, dass hier mein Platz ist, mein Lebenssinn und meine Wurzeln. Das gilt natürlich auch für unser Dorf. Als Mountainbike-Guide komme ich oft an den vielen schönen Höfen vorbei. Wir kaufen seit Jahren von unseren Landwirten verschiedenste Produkte und es freut mich, dass Umfang und Qualität der Zusammenarbeit – auch aufgrund verschiedener Projekte - von Jahr zu Jahr zu nimmt.

Daniel: Ähnliches können wir auch von unseren lokalen Winzerkollegen sagen. Die Zusammenarbeit läuft sehr gut und wir werden immer wieder von kreativen und vor allem achtsam produzierten neuen Weinen überrascht. Gemeinsam mit meinen Sommelier-Kollegen im Haus gehen wir ganz klar den Weg naturnah, biologisch, biodynamisch. Das zieht sich bei uns weiter ins Barkonzept, wo wir ohne Farb- und Konservierungsstoffe arbeiten. Es gibt beispielsweise keine klassische Cola mehr.

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Modernes Haus mit Infinity Pool
c Hotel Pfösl
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Modernes Holzhotel mit Balken auf einer großen Wiese mit Liegestühlen
c Hotel Pfösl

Wie schafft man es, Nein zu Gästen zu sagen, wenn sie doch Coca Cola wollen?

Brigitte: Wir haben von unseren Eltern gelernt: Der Gast ist König, und was der will, wird serviert. So sind wir als Südtiroler Tourismusregion auch gewachsen. Mittlerweile gibt es Dinge, die wir nicht mehr verantworten können und wollen, und dazu stehen wir auch. Eine Thailändische Massage muss hier keinen Platz haben. Genauso wie Erdbeeren im Winter. Regionalität und Saisonalität, vor allem aber die richtige Auswahl unserer Produzenten steht bei uns immer an erster Stelle.

Eva: Es ist ein interessanter Prozess, bis alle Mitarbeiter*innen unsere Philosophie so verinnerlichen, dass sie sich dann darüber mit den Gästen unterhalten können.

Daniel: Andererseits bieten wir im Pfösl auch Produkte an, die man nicht überall bekommt. Hier im Dorf leben beispielsweise Jochen und Constanze, ein deutsches Ehepaar, das einen Hof gekauft hat, und jetzt Craft Beer produziert. Die beiden bauen sogar die Gerste und den Hopfen selber an. Deshalb passt das 100-prozentig zu uns.

Braucht es für den nachhaltigen Weg Zertifizierungen?

Eva: Jede Zertifizierung gibt uns Hilfestellungen, wo wir noch hinschauen müssen. Worauf wir das Augenmerk legen sollten. Das Ecolabel tragen wir seit 2013.

Brigitte: Wir sind auch dem Klimaneutralitätsbündnis Turn to Zero beigetreten. Das misst, wie viel CO2 ich als Haus ausstoße und was ich verbessern kann. Seit wir messen, haben wird ganz viel verstanden und gelernt und Maßnahmen zur Ressourceneinsparung eingeführt. Wir konnten somit den CO2 Ausstoß innerhalb von drei Jahren halbieren. Erst wenn man weiß, wie viel CO2 man ausstößt, kann man sich durch Maßnahmen verbessern. Letztes Jahr haben wir auch die GSTC-Zertifizierung im Rahmen eines Audits abgeschlossen – dabei geht es um das ganzheitliche Nachhaltigkeitsthema. Also nicht nur um das Ressourcen einsparen, sondern auch um Kultur, Tradition Management und soziale Nachhaltigkeit.

Verliert man bei so vielen Maßnahmen nicht leicht den Fokus?

Eva: Ja, deshalb haben wir 2022 unsere Gedanken und Ziele zur Nachhaltigkeit geordnet und in eine Nachhaltigkeitsstrategie gefasst: Was unser Herz berührt, was wir alles schon gut umsetzen, und was wir gerne tun möchten, beziehungsweise was die Welt jetzt braucht und was wir geben können. Dass wir achtsam mit den Ressourcen umgehen und mit gutem Gewissen machen, was wir machen.

Brigitte: Konkret schlägt unser Herz für das Regenerationskonzept mit den vier Säulen aus gesunder Ernährung, Bewegung, mentaler Balance und der Freude am Schönen. Für den Fokus der nächsten drei Jahre haben wir uns überlegt, was die Welt jetzt braucht, und daraus acht Themenfelder mit entsprechenden Maßnahmen festgelegt, an denen wir jetzt arbeiten. (Hier liest du mehr über das Konzept Regeneration 360 Grad des Hotel Pfösl) Link

Daniel: Bei allen neuen Dingen, die wir tun, ob mit Gästen oder Mitarbeitern, beim Bauen oder in der Gesellschaft, überlegen wir Schritt für Schritt, wie wir es besser machen können.

Gibt es Grenzen? Was könnt ihr nicht umsetzen?

Brigitte: Es wird immer Dinge geben, die wir nicht oder noch nicht umsetzen können. Wir können zum Beispiel nicht das Wasser im Schwimmbad auf 18 Grad runterkühlen, weil dann ist der Genuss vorbei.

Daniel: Wir versuchen anstellen von noch mehr Infrastruktur eher in die Software - in unsere Philosophie, in die Dienstleistungen, in das Menschliche - zu investieren, um da Topqualität zu liefern.

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Wie motiviert ihr eure Leute?

Eva: Für uns sind Mitarbeiter*innen genauso wichtig wie Gäste. Es ist eine Symbiose. Wir haben uns vor drei Jahren für eine nachhaltige familienbewusste Personalpolitik auditieren lassen. Diese Zertifizierung – sie nennt sich familieundberuf – wird nun jährlich erneuert. Und wir sind gerade dabei eine Arbeitgebermarke zu entwicklen, weil wir möchten, dass die Leute gern für uns arbeiten. Wir halten stets die Ohren im Haus offen, denn jeder hat andere Bedürfnisse. Ein schönes Ambiente hängt von den Menschen ab, die hier arbeiten, nicht nur von der Deko.

Was sind die wichtigsten Werte im Haus?

Brigitte: Achtsamkeit, Bewusstsein, Offenheit, Neugierde, Mut.

Eva: Für mich ist wichtig, dass wir die Demut in allem wieder einfließen lassen. Die Dankbarkeit.

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Raum mit großem Fenster. Auf dem Boden liegen Yogamatten
c Hotel Pfösl
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Frau in einem grünen Kleid, die Kräuter in einem Kräutergarten pflückt
c Hotel Pfösl

Wie reagieren eure Gäste auf so viel Veränderung?

Eva: Viele haben sich mit uns verändert. Anderen wiederum versuchen wir unsere Gedankengänge zu erklären. Ich habe das Gefühl, wir sind mit den richtigen Menschen unterwegs.

Wenn ihr über die Zukunft nachdenkt – wie wird es in 20 oder 30 Jahren ausschauen? Wird es viele Hotels wie eures geben?

Eva: Ich hoffe, dass wir viele andere Betriebe durch unser Schaffen motivieren, ein bisschen mutiger zu sein. Gute achtsame Beispiele gibt es bereits und viele stehen in den Startlöchern.

Daniel: Die Menge der Menschen, die ähnlich denkt wie wir, wird weiter wachsen.

Brigitte: Südtirol hat sich die Nachhaltigkeit auf die Fahnen geschrieben. Tourismut heißt das Leitbild. Ich denke, wir sind in Südtirol auf einem guten Weg. Einige Betriebe gehen bereits mit gutem Beispiel voran, sind Vorbilder und motivieren somit viele weitere Betriebe, diesen Weg einzuschlagen.

Spürt ihr oft Gegenwind?

Daniel: Wenn ich erzähle, dass bei uns die Badeschlappen an der Rezeption geholte werden müssen, oder dass wir unseren Gästen verpackungsfreie Naturprodukte zum Waschen zur Verfügung stellen, dann werde ich manchmal schon schräg angeschaut.

Was war das wichtigste Learning auf eurem Weg?

Brigitte: Anstoßen und doch aufstehen. Und immer wieder die Frage stellen, ob es der richtige Weg ist. Das stößt Diskussionen an und sorgt für internes Wachstum.

Daniel: Dass wir uns an einen Riesenberg herangewagt haben und mit kleinen Schritten schon ein Stück hochgekommen sind.

Eva: Ein Schlüsselerlebnis hatte ich kürzlich in der Küche, als ich unseren Chefkoch gefragt habe, was er mit den Resten macht. Er meinte, er kocht aus den Karotten einen Fonds und aus den anderen Gemüseresten macht er Säfte fürs Frühstück. Das ist wie Weihnachten für mich.

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