Boris Frei vom Design Hotel Tyrol
© Design Hotel Tyrol
Rabland

“Ich glaube an den Multiplikatoreffekt” – Boris Frei vom Design Hotel Tyrol

Interview • Locationtipps

Boris ist Jurist, Mountainbiker und vor allem Hotelier aus Überzeugung. Im Design Hotel Tyrol bei Meran denkt er Urlaub neu: mit Null-Kilometer-Gemüse, vegetarischem Freitag, Bike-Trails für alle und einem klimatisierten „Nichtschwimmerbecken“ fürs Team. Wie er Skypool und Schraubenschlüssel zusammenfügt, erzählt er hier.

Karin Wasner

Zwei Wochen, nachdem seine Eltern das Hotel 1980 eröffneten, kam Boris auf die Welt. Gastgeben liegt ihm im Blut. Die Oma führte in den 50er-Jahren im nahen Schenna eine Frühstückspension; sie warb damals mit „fließend Wasser“. Seine Eltern Frieda und Helmuth betrieben später ihr Hotel in Rabland als Komfort- und Sporthotel und beherbergten Sportstars wie Uli Hoeneß, Toni Polster oder Skirennläuferin Annemarie Moser-Pröll.   

Boris Frei geht raus in die Welt, studiert Jus. Mit dem “dott. Iur.” in der Tasche kommt er 2010 zurück ins Dorf, übernimmt dann 2014 das Hotel von seinen Eltern, die ihm komplett freie Hand lassen. Nach mehreren Umbauten hat Boris’ Vision im Design Hotel Tyrol Gestalt angenommen. Heute erwartet dich hier ein Ort, an dem du mehr kannst, als schön schlafen: mit Dachgarten, vegetarischem Freitag, Teamhaus mit Billardzimmer und Null-Kilometer-Gemüse vom Partschinser Marktplatz.    

Boris, was bedeutet das Hotel für dich?

In meiner Kindheit war es mein Spielplatz, in meiner Jugend ein Arbeitsplatz und heute ist es mein Leben – und wieder mein Spielplatz. Jetzt auch der meiner Kinder.

Dann erzähl uns bitte, womit spielst du am liebsten?

Mit der stetigen Veränderung. Oder besser: der Verbesserung. Ich arbeite jeden Tag daran, einen noch schöneren Ort zu schaffen, mein Team glücklich zu machen, die Region noch mehr an Bord zu holen.

Es ist viel passiert, seit du 2014 das Hotel von deinen Eltern übernommen hast. Was hat dich zu dem Change im Haus veranlasst?

Ich wollte ein Hotel schaffen, in dem ich mich wohlfühle. Ein guter Vibe und ganz viel Harmonie in meinem Umfeld ist mir wichtig. Ich möchte Menschen um mich, die meine Werte teilen. 

Welche Werte sind das, was treibt dich an? 

Ein Hotel produziert viel Scheiß, den keiner braucht: Müll, Abwasser, Verkehr. Ich möchte unseren Impact auf die Welt möglichst geringhalten und das Hotel enkeltauglich machen: Emissionen und Verbräuche stetig senken, einen guten Ort gestalten, ein Miteinander. Hier sollen nicht nur Gäste von weit her gern reinkommen, sondern auch Leute aus dem Ort.

Design Hotel Tyrol – Dorfacker trifft Dachpool im Vinschgau

Im Tal der Apfelgärten hat Boris mit seinem Blick für Design und seiner Leidenschaft fürs Biken einen Ort geschaffen, an dem du zwischen Skypool und Gemüsegarten schon einmal über eine weiße Giraffe stolperst.

Was wurde als Erstes geändert und warum?

Die Beleuchtung in der Küche. Das Küchenteam stand neun Stunden unter Neonleuchten, das wollte ich ihnen nicht mehr zumuten! Später wurde noch umfassender renoviert, die Einrichtung konnten wir zum Glück größtenteils wiederverwenden. Wir installierten eine Akustikdecke – dieselbe wie im Speisesaal. Und eine Klimaanlage, noch bevor irgendwo anders eine in Betrieb ging. Dann haben wir der Küche noch eine türkise Wand verpasst. Seitdem nennen wir sie unser „Nichtschwimmerbecken“.

Die erste Investition war also in die Mitarbeitenden?

Ja, denn sie sind die Seele und das Herz des Hauses. Wie sollen sich Gäste gut fühlen, wenn Menschen mit einem Gesicht wie sieben Tage Regenwetter durchs Haus schleichen?

Was wünschst du dir von deinem Team?

Es soll die Arbeit gern machen. Ich bin ein Fan von Quereinsteiger*innen, Multitalenten, dem „Schweizer Taschenmesser“ – vielfältig interessiert und begeistert. Vielleicht weil ich selbst so bin. Ich baue morgens das Holzplateau für den Whirlpool, dann setze ich mich ins Büro und programmiere die Haussteuerung und am Nachmittag fische ich mit dem Kescher die Blätter aus dem Pool.

Was tust du für ein gutes Arbeitsklima?

Wir arbeiten auf Augenhöhe, als Team, in dem jeder seine Aufgabe hat. Letztes Jahr habe ich ein Teamhaus gekauft und modernisiert. Neue Zimmer, ein Gemeinschaftsgarten, Gym, Billardzimmer und eine Wohnküche als Gemeinschaftsraum – den können unsere Gäste auch als Coworking-Space nutzen.

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Design Hotel Tyrol Skypool
Design Hotel Tyrol
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Design Hotel Tyrol Bar Typ Hund
Buero Ludwina

Du gestaltest und planst das Hotel nach deinen Vorstellungen; inzwischen ist es auch ein zertifiziertes Bikehotel. Worauf bist du besonders stolz?

Das neue Badehaus mit Poolbar und Yogaraum und der Dachgarten mit dem Skypool waren mit dem großen Bikedepot sicher die größten Veränderungen. Und dass wir das ganze Haus energietechnisch so gut aufstellen konnten.

Was konnte beim Thema Energie umgesetzt werden?

Aktuell sind vier Wärmepumpen in Betrieb. In 80 Prozent des Hauses besteht eine Flächenheizung, in diesen Bereichen können wir mit sehr niedriger Vorlauftemperatur heizen. Seit dem großen Bauschritt im Frühling 2026 werden unsere Zimmer smart mit Lüftungsgeräten direkt in den Zimmern gekühlt, die der Gast individuell steuern kann. Der Strom kommt vom gemeindeeigenen Wasserkraftwerk und wird mit einer 65kWp-Photovoltaik-Anlage ergänzt.

Gab es Aha-Momente? Hast du Tipps für andere, was im Design Hotel Tyrol ein Game-Changer war?

Ein Meilenstein waren die UV-Beschichtungen, die das Aufheizen der Zimmer verhindern und 40 Prozent Kühlungsenergie sparen. Ein Kältetechniker aus dem Ort mit enormem Wissen hat mich auf die Idee gebracht, die Abwärme der Kühlgeräte in der Küche zur Gewinnung von Warmwasser zu nutzen. Damit heizen wir außerdem das Hallenbad. Das ist wie ein kleines Perpetuum Mobile – keine Energie geht verloren!

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Design Hotel Tyrol

Papier und Amenities hast du längst aus den Zimmern verbannt, die Minibars nicht. Braucht es die wirklich?

Es ist absurd, aber sie sind eines der Einstufungskriterien bei der Hotelklassifizierung für vier Sterne. Die wurden in den 1980ern entwickelt! Die Minibar steht da genauso drin wie das Selbstwahltelefon und der Fernseher. Was nicht drinsteht sind zum Beispiel Wlan, Sauna, Schwimmbad oder Klimaanlage, die den Gästen aber mit Sicherheit mehr am Herzen liegen, als ein Telefon.

Gibt es andere Leistungen, die der Gast verlangt, die dir Bauchweh bereiten?

Die Orangensaftmaschine und Avocados beim Frühstücksbuffet. Zitrusfrüchte wachsen bei uns nun mal nicht ganzjährig. Bei Cornflakes hat die Packung wahrscheinlich mehr Vitamine, als das, was drin ist. Wir bieten dazu Alternativen an, wie Porridges und frisches Gemüse. Viele unserer Gäste greifen dann ohnehin lieber zu gesunden Dingen.

Du hast beschlossen, entzündungshemmende Gerichte besonders zu kennzeichnen, warum ist dir gesundes Essen ein Anliegen?

Ich glaube an den Multiplikatoreffekt eines Hotels. Wenn Gäste hier was Positives erleben – zum Beispiel E-Bike-Touren, Yoga am Morgen, Pilates mit Rudi oder eben ein tolles, gesundes Essen – und merken, wie gut ihnen das tut, dann nehmen sie das mit nach Hause. 

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Design Hotel Tirol Pool und Poolbar Berge Landschaft in Südtirol
Karin Wasner
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Design Hotel Tirol Pool Drinks
Karin Wasner

Der Freitag ist rein vegetarisch. Gibt es da keine Proteste von „Fleischtigern“?

Doch, und die können dann Fleisch beim Hauptgang dazu bestellen. Aber das kommt gar nicht so oft vor. Wir schaffen Bewusstsein und zeigen vor, wie gut und einfach bewussterer Fleischkonsum umzusetzen ist. Fleisch ist ein extrem ressourcenintensives Produkt. Deshalb verarbeiten wir auch immer das ganze Tier From-Nose-to-Tail.

Zweimal wöchentlich serviert ihr euer „R30“-Menü – was ist das?

An diesen Abenden werden ausschließlich lokale Produkte aus einem Umkreis von maximal 30 Kilometern verwendet!

Respekt! Ist das nicht schwierig, vor allem im Winter?

Schwierig ist vor allem, immer zu wissen, welcher unserer Bauern und Landwirtinnen gerade welche Produkte anbieten. Aber unser Küchenteam rund um Lukas macht das schon!

Hast du deshalb den "partschINSER marktplatz" angeregt? Wie funktioniert das?

„Inser“ ist Südtiroler Dialekt für „unser“. Gemeinsam mit unserem Tourismusverein Partschins konnten wir diese Plattform ins Leben rufen. Jetzt können sich alle Gastrobetriebe im Ort schnell einen Überblick über alle aktuell beziehbaren Produkte lokaler Produzent*innen verschaffen. 

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Design Hotel Tirol Frühstück
Karin Wasner
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Design Hotel Tirol Frühstück
Karin Wasner

Also eine Maßnahme, die der Region zugutekommt und dazu führt, dass vielleicht mehr Betriebe lokaler einkaufen – und damit nachhaltiger?

Hoffentlich! Es fördert jedenfalls den Austausch unter den Akteur*innen, die Sichtbarkeit unserer Bäuerinnen und Landwirte und ihrer tollen Ab-Hof-Produkte.

Der Begriff Nachhaltigkeit wird oft strapaziert. Was verstehst du darunter?

Es wird zu viel über CO2 geredet; die soziale Verantwortung kommt selten vor. Das betrifft vor allem unseren Umgang mit den Mitarbeitenden. Aber wir als Hotel sind auch verantwortlich, möglichst viele Leute in die Wertschöpfungskette zu integrieren. Das hört nicht bei der Haustür auf, das sind Lieferant*innen, Handwerksbetriebe, Taxiunternehmen, Lokale, Geschäfte oder Almen. Ich muss nicht alles selbst machen, sondern kann auch die anderen leben lassen. Ich habe Einfluss darauf, wie meine Gäste Urlaub machen.

Wie könnte dieser Urlaub aussehen, von dem die Vielen profitieren?

Unsere Gäste haben hier ihre Base, aber sie wollen rausgehen und die Gegend erleben. Die Menschen kennenlernen, die hier Großartiges schaffen. Zu der Bäuerin wandern, wo ihre Frühstückseier herkommen. Nach dem Biken beim Apfelbauern im Buschenschank sitzen, mal im Wirtshaus essen und schauen, was die dort so aufkochen. Wenn Gäste mit Jause ausrücken und um 15 Uhr wieder am Kuchenbuffet stehen, werden sie bald von einer leeren Alm zur nächsten wandern. Und umgekehrt: Jeder und jede soll kommen, einen Cocktail an der Bar trinken, im Spa entspannen oder hier Yogakurse machen. Ich sehe mich als Dorfbewohner, ich will hier keine Enklave schaffen.

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Du hast dich die letzten Jahre für die Gestaltung von Biketrails in der Region engagiert. Ist das deine Art zu sagen: „Los, raus hier!“

Biken ist eine geniale Art, die Natur zu entdecken und meine große Leidenschaft – das ist also nicht nur selbstlos. Aber es ist etwas, von dem Gäste und Einheimische gemeinsam profitieren. Wir, die hier leben, sogar 365 Tage im Jahr und nicht nur eine Urlaubswoche! 

Dein Kopf ist voller Ideen, die der Region gelten. Gibt es ein nächstes Herzensprojekt?

Urban farming! Ich möchte ein Pilotprojekt in der Gemeinde starten. Die Idee dahinter: Null-Kilometer-Gemüse, das direkt vor der Tür wächst, für alle! Ein Dorfacker an dem viele gemeinsam arbeiten, sich kennenlernen, austauschen, voneinander lernen. Nicht alle haben Zugang zu einem Garten und Eltern, die einem das beibringen. Gibt es etwas Schöneres, als mit den Händen in der Erde neue Freunde zu finden?!

Was denkst du, wie wird sich der Tourismus entwickeln. Wie urlauben wir 2050?

Ich hoffe weniger, dafür wieder länger und hoffentlich entspannter. Ein verlängertes Wochenende ist für mich oft sinnfrei. Ich brauche zwei Tage, bis ich überhaupt verstehe, dass ich im Urlaub bin. Ich kann dann ein Foto posten, wo ich jetzt schon wieder bin, das ist aber nur für andere. Für mich selber wäre es erholsamer, ich bleibe zu Hause und ruhe, anstatt drei Stunden im Stau zu stehen, nur um zu sagen: „Ich komme viel herum.“

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Design Hotel Tyrol Yoga
Karin Wasner
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Design Hotel Tirol Studio 40a
Karin Wasner

Was wird in Zukunft wichtiger werden, als es vielleicht heute ist?

Die Krisen und Entwicklungen der letzten Jahre haben uns alle zunehmend isoliert. Lokale und Restaurants werden weniger aufgesucht, es wird weniger ausgegangen und die Arbeit hat sich in die eigenen vier Wände verlagert. Wir tendieren dazu, etwas zu vereinsamen. Ich bin der Überzeugung, dass wir versuchen müssen, einen Urlaubsort heute so zu gestalten, dass sich Menschen mit ähnlichen Interessen sehr wohlfühlen und wir sie so zusammenführen. Auf dieses Ziel arbeiten wir täglich hin.

Wenn du dir etwas wünschen dürftest, wie soll es werden? Optimismus zum Schluss!

Ich hoffe, dass nachhaltiges Agieren bald so selbstverständlich ist, wie heute „fließend Wasser“. Meine Oma konnte sich das noch stolz auf die Werbetafel schreiben, heute ist es Standard. So soll es uns einmal mit dem enkeltauglichen Wirtschaften gehen, auf das wir heute stolz sind! Und natürlich, dass es mit Milla und Rufus hier auch eine weitere Generation geben wird.

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