Change Maker Hotel Nesslerhof Grossarl Tina Neudegger
Großarl

Nesslerhof
Tina Neudegger
im Interview

Interview • Locationtipps

Das Tal einzubinden, zu erleben, auch ein Teil des Tales zu sein. Tina Neudegger erzählt, warum Regionalität etwas Alltägliches ist. Und warum Hinhören, Hinschauen und Hinspüren so wichtig ist.

Petra Percher
20 Juli, 2022

Wir sitzen an deinem Lieblingsplatz im Hotel. Warum hier?

Als Gastgeber nutzen mein Mann, meine drei Töchter und ich so gut wie nie ein Gästezimmer. Anders während Corona. Wir hatten freie Zimmer und hier oben auf der Terrasse der Suite Weitblick im obersten Stock in unserem Zubau 2016 haben wir öfter Kaffee getrunken oder einfach die Ruhe genossen. 

Nesslerhof – die regionalen Gästeflüsterer

Kooperationen mit den Bauern, Vernetzung mit der Region, und warum die Uroma des Nesslerhofs schon ein Trendsetterin war: Der Nesslerhof zeigt vor, wie gut Urlaub und regionale Wertschöpfung funktioniert.

Welchen Berge hast du im Blick?

Der Frauernkogel fällt einem am massigsten auf und der Gamskarkogel dahinter ist der höchste Grasberg Europas. Weiter hinten sieht man den Nationalpark Hohe Tauern. Der Blick da rein tut mir gut.

So beständig der Blick auf die Berge, so voller Veränderung ist dein Alltag im Hotel. Was ist der größte Change im Nesslerhof? 

Für uns hat die Natur, der Genuss und das Kulinarische eine hohe Wertigkeit. Das bringen wir unseren Kindern bei und um das zu erleben, suchen wir Orte. Ich glaube, wir haben es bei uns im Nesslerhof gut geschafft, das Tal mit einzubinden, das Tal zu erleben, auch ein Teil des Tales zu sein. Und nie zu vergessen, wo man ist. 

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Ihr nennt eure Mitarbeiter*innen Gästeflüsterer. Wie ist die Idee entstanden? 

Mit der Eröffnung 2011 haben wir uns stark auf Wellness, Auszeit, Natur und Kulinarik konzentriert. Bald haben gesehen - okay, da fehlt noch was. Wir haben beschlossen, noch mehr in die Großzügigkeit zu gehen. Auch weil das Feedback der Gäste schon da war, dass unsere Mitarbeiter so aufmerksam sind und sie sich auf das Team freuen. Die Gäste flüstern uns was, wir hören hin und daraus sind die Gästeflüsterer entstanden. 

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Die Gästeflüsterer schicken Gäste auch viel raus aus dem Hotel. Seid ihr damit ein Türöffner zum Erleben des ganzen Tals?

Ja, denn mir geht es auf Reisen genauso. Ich möchte anderswo nicht nur das eine Haus sehen, sondern das große Ganze erleben. Wie leben die Leute dort? Wie schaut die Natur aus? Wo geht die Sonne auf? Wohin gehen die Einheimischen essen? Was gibt es in den Geschäften zu kaufen? Was arbeiten die Leute im Dorf? Das interessiert auch unsere Gäste.

Ihr gebt das Versprechen ab, dass der Urlaub perfekt wird. Was ist dabei die größte Herausforderung?

Dass jeder Mensch anders ist. Alle kommen mit einer Vorgeschichte zu uns. Der eine hatte familiär eine schwere Zeit, der andere beruflich. Der eine will nur entspannen, der andere braucht jemanden zum Reden. Hotellerie und Gastronomie sind da ganz wichtig – wie Medical Wellness, die den Gästen wieder Kraft gibt. Eine gute Auszeit zwischendurch ist nie verkehrt.

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Gästeflüsterer kommt ja vom Pferdeflüstern. Wie kam die Assoziation? 

Als Mädchen habe ich mir immer ein Pferd gewünscht. Aber ich habe keins bekommen. Meine Kinder haben natürlich gleich ein Pferd bekommen und wir hatten jahrelang Pferde. Ich bin ganz oft rausgegangen zu unserer Isländer Stute, habe ihr in die Augen geschaut und sie hat mich besänftigt. Das brachte mich zum Hinhören, Hinschauen, Spüren - einfach eine Sekunde Zeit nehmen, schauen, wie es dem Gegenüber geht ohne gleich zu fragen: Wie geht's? 

Dafür die richtigen Mitarbeiter*innen zu finden, erscheint mir gerade schwierig. Wie macht ihr das? 

Ich finde es traurig, dass die Hotellerie so viel über die Mitarbeiter jammert. Das betrifft den ganzen Arbeitsmarkt. Es ist für niemanden leicht, gute Leute um sich zu scharen. Du musst eine Atmosphäre schaffen, dass sie gerne hier arbeiten. Auf sie hören und schauen. Schließlich verkörpern sie das Haus. Die Seele des Hotels musst du dir erarbeiten.

Wie verändern sich die Bedürfnisse der Gäste?

Es wird mehr verlangt. Gäste wollen die Zeit intensiver nutzen, intensiver genießen. Das fordert uns. Wir arbeiten daran und schauen stets, wo wir uns verbessern können.

Wie geht ihr mit kontroversiellen Wünschen um? 

Das macht es richtig spannend. Du sollst gut erreichbar sein, aber keine Straße neben dir haben, du sollst nachhaltig agieren, aber im Winter frische Heidelbeeren auftischen. Und das Wlan sollte bei dem einen perfekt funktionieren, der andere will aber keine Strahlen. Wir bemühen uns sehr, können aber nicht 100 Prozent auf alle Wünsche & Lebenssituationen eingehen. Auch hier: Es geht nur gemeinsam und nicht einsam. Und es hilft öfter die positiven Dinge zu sehen und sich nicht über Kleinigkeiten aufzuregen.

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Gibt es einen Change beim Essen? Wohin geht da die Reise?

Richtung Qualität. Und das macht mir natürlich am meisten Spaß, weil das genau unser Weg ist - die Nachhaltigkeit, die Regionalität. Vor zehn Jahren war es hochwertig, wenn wir noble, teure Produkte gehabt haben. Heute ist es wirklich schön, wenn wir heimisches Fleisch auf den Teller bringen können. Und es muss nicht immer nur das Filet und der Rücken sein, sondern du darfst das ganze Tier verkochen. Du darfst der Küche die Chance geben, besondere Gerichte aus besonderen Stücken zu machen. Ein irrsinniger guter Weg und der richtige Weg in die Zukunft.

Regionale Lebensmittel wirken am Land selbstverständlich. Für dich auch? 

Ja, deswegen reden wir eigentlich ganz selten darüber. Vielleicht sind wir einfach so erzogen worden, dass wir das Fleisch vom Bauern nebenan verwenden und nicht im Supermarkt kaufen, weil es günstiger ist. Genauso wie die Milch, den Topfen und die Butter. Das stille Wasser, das wir für die Gäste auch in Glasflaschen abfüllen und servieren, kommt aus unserer Quelle am Berg. Wenn das Gute so nahe liegt, nehme ich es lieber als irgendwas Exotisches.

Gleichzeitig ist es für Hotels nicht immer leicht, direkt vom Bauern zu kaufen. Und für Bauern nicht unbedingt leicht, direkt an Hotels zu verkaufen… 

Daraus ist die Metzgerei entstanden. Unser Herzensprojekt. Uns wurde ganz oft von Bauern ein halbes oder ein ganzes Kalb angeboten. Es ist aber nicht so leicht, ein halbes Kalb für 150 Personen zu verwenden, weil dann natürlich zu wenig Kalbsrücken da ist und eine Kalbszunge für das Menü nicht reicht. Durch die Metzgerei haben wir jetzt die Chance, mehr von heimischen Bauern abzunehmen und die Produkte dann konzentrierter zu verarbeiten.

Aus der Metzgerei ist wiederum Großarler Genuss entstanden samt Restaurant und Greißlerei. Was ist daran besonders beispielhaft für die Hotellerie? 

Das Miteinander. Dass sich Familien in einem Tal zusammentun und so ein Projekt starten. Uns allen ist die Erhaltung der Landschaft und der respektvolle Umgang mit der Natur und den Tieren wichtig.

Seit wann bietet ihr ein vegetarisches Menü an? 

Das Thema vegetarisch und vegan wird immer stärker. Daran merkt man auch, dass die Menschheit sich etwas überlegt. Wir betreiben selbst eine Landwirtschaft und dank der eigenen Metzgerei kommt das Fleisch fast ausschließlich von Bauern, die wir kennen. In der Stadt ist es wahrscheinlich nicht immer möglich zu wissen, wo ein Stück Fleisch herkommt. Viele Leute essen deswegen lieber Gemüse in Bioqualität. Darauf reagieren wir gerne am Menü.

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Das heißt, auch dieser Wunsch kam von den Gästen?

Von den Gästen, aber auch von unseren Köchen. Die überlegen sich viel. Auch für die spannenden Monate. Denn im Januar, Februar und März ist es ungleich schwieriger, eine vegetarisch und saisonal gute Alternative zu bieten. Aber auch das kriegen wir hin.

Du bist viel draußen in der Natur. Wie schaut es bei den Gästen aus? 

Wandern, Biken, Berglaufen, Skifahren, Skitouren, Schneeschuhwandern - wir sind mit 40 bewirtschaftete Almhütten sehr gesegnet im Großarltal. Da bin ich wieder beim großen Ganzen - wenn wir die Almhütten nicht hätten mit den Bauern und Bäuerinnen, die die Natur pflegen, die schauen, dass die Weiden passen, dass die Tiere aufgetrieben werden, dass das Holz verarbeitet wird, dann hast du die Schönheit der Natur nicht im Tal. Bei uns funktioniert das sehr gut. Gäste können eine intakte Natur und intakte Almwirtschaft genießen und erleben. Es ist im Sommer wunderschön und auch im verschneiten Winter. Wenn du oben von Gastein bis zum Großglockner schauen kannst. Da hast Zehn-Sekunden-Momente, die dir Energie für eine ganze Wochen geben.

Was bedeutet Landleben für dich? 

Da ist so viel Selbstverständlichkeit dabei, dass ich mir selbst öfters denke: Was für uns so selbstverständlich ist, verwenden andere als Marketing. Und ich verschwende oft nicht mal einen Gedanken daran, darüber zu schreiben. Dass wir in die Sonne schauen, dass wir einen Weitblick haben, dass es ruhig ist, dass die Vögel zwitschern, dass wir frisches Wasser und frische Luft haben, uns bewegen können. Ich muss dann immer mal wieder raus aus dem Tal, damit ich es danach wieder mehr schätze. Das Miteinander hier. Du kennst die Kinder, die Familien. Die Leute grüßen sich. Alles ist sicher. Du musst dir um manche Sachen einfach keine Sorgen machen.

Wo spürt man das Thema Regionalität im Nesslerhof am stärksten? 

Das fängt schon beim Bau an. Soweit es möglich war, haben wir nur mit regionalen Firmen gearbeitet und natürlich mit regionalen Produkten. Der Dachstuhl ist von der Roslehen Heimalm – da sind wir Luftlinie 500 Meter von dem Wald entfernt, aus dem das Holz kommt. Zur Regionalität gehört für uns auch, dass es rundherum überhaupt genug Betriebe gibt, die es ermöglichen, so schnell ein Zuhause und ein Hotel zu erschaffen. Dass es das Handwerk gibt. Die Arbeitskräfte und damit auch Ausbildungsplätze für junge Menschen, die dadurch im Tal bleiben können. 

Wenn du schon wüsstest, wohin sich der Tourismus 2050 entwickelt - was werden die größten Veränderungen sein? 

2050 ist für mich eine Jahreszahl, an der ich seit längerem arbeite. Essen und Mobilität sind Bereiche mit der größten Veränderung, wo die meisten neuen Konzepte entstehen werden. Wir denken langfristig, weil wir aus dem Haus Ursprung einen Zubau mit neuen Zimmern machen. Das wollen wir nachhaltig hinkriegen. Dazu gehören auf jeden Fall intensives Planen und regionale Firmen die dann schauen, dass alles über Jahre hält.