Change Maker Hotel Fernblick Michael Niederer Andreas Wessely
Fernblick / Matthias Kronfuss
Sankt Corona am Wechsel

Fernblick – Michael Niederer-Wessely und Andreas Wessely im Interview

Interview • Locationtipps

Sie lieben alte Substanzen, schätzen das Ortsbild und die Landidylle und haben gute Einfälle, die Bevölkerung von ihren Ideen zu überzeugen. Andreas Wessely und Michael Niederer-Wessely übers Baggerfahren auf der Baustelle, Knödelessen am Sonntag und den Stolz, eine Region wachgeküsst zu haben.

Nicole Spilker
1 Juni, 2022

Andreas und Michael, habt ihr einen Lieblingsort im Fernblick?

Michael: Ich finde das WC neben der mondänen Felsen Bar schon sehr spektakulär ...

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Fernblick / Oliva Henning

Wisst ihr eigentlich schon aus eigener Erfahrung, wie es ist, im Fernblick zu heiraten?

Andreas: Ja, das wissen wir. Das Haus haben wir ja quasi für unsere eigene Hochzeit gebaut. Die Grundidee war, dass wir das Ganze hier mit unserem Hochzeitsfest eröffnen und damit eine vollkommen neue Form des Heiratens präsentieren können. Nach der Eröffnung waren wir dann aber finanziell so geschwächt, dass wir unseren Termin zwei unserer besten Freunde gegeben haben. Wir dachten, dann haben wir in einem halben Jahr ein paar Erfahrungen gesammelt und können es noch besser machen. Daraus sind dann coronabedingt drei Jahre geworden.

Hotel Fernblick – Miami am Wechsel

Alles außer gewöhnlich: Wie Andreas Wessely und Michael Niederl-Wessely mit ihrem "Fernblick" eine ganze Region wachküssen, weshalb sie alte Villen und Gasthäuser sanieren  – und warum ihr Hotel auch nach Miami Beach passt.

Ihr habt euer Haus auf Willhaben gefunden. Welche Suchparameter gibt man ein, um ein Haus wie das Fernblick zu finden?

Andreas: Ich habe in meinem Such-Abo die Begriffe „Hotel“ und „Niederösterreich" eingetragen. Wir haben ja schon die Villa Antoinette am Semmering, die uns tatsächlich irgendwie passiert ist. Sie war ursprünglich auch nicht als Hotel geplant. Nachdem sie endlich fertig und wir finanziell und psychisch ziemlich am Ende waren, hat uns nach einem halben Jahr Pause wieder die Langeweile gepackt. Plötzlich war der Baustellenstress völlig vergessen. Der alte Gasthof ist uns vorgeschlagen worden zu einem  relativ günstigen Preis. Dann haben wir auch noch den Park mit dem tollen Ausblick und der alten Linde gesehen.

Michael: Das war ja nur eine Böschung! Wir haben wirklich viel Arbeit in den Garten gesteckt – vor allem den Teil um die alte Linde herum. Den haben wir gemeinsam mit der Boku gebaut, damit dem jahrhundertealten Baum nichts passiert. Diese ganzen Fundamente sind ja alle händisch gegraben. Der ganze Teil steht auf Stelzen und das Wasser wird komplett über ein unterirdisches Kanalsystem zur Linde gebracht. Man kann viel kaufen – aber so einen mystischen Baum eben nicht. Und uns war wichtig, dass wir diesen Baum auch als Kraftspender in unser Projekt mit einbeziehen.

Wer einmal im Bestand gebaut hat, weiß, welche Überraschungen einen erwarten können. Ihr hättet auch einen neuen Bau hierher setzen können ...

Michael: Das sind wir aber nicht. Ich liebe das Planen. Ich liebe das Spiel mit der alten Substanz. Und ich find's wahnsinnig spannend, mit Handwerkern an einem gemeinsamen Projekt zu arbeiten. 

Andreas: Wir reißen nichts ab, wir lieben alte Substanz. Einen Neubau könnte ich mir gar nicht vorstellen. In einem alten Bestand kann es schon viele Überraschungen geben, aber das Nette dran ist ja, dass du dich an etwas festhalten kannst. Finanziell ist es natürlich nicht planbar. Wir haben bei der Villa Antoinette gedacht, wir investieren da jetzt mal ein paar Hundertausend Euro – und haben es total unterschätzt. Aber jetzt sind wir schon um einiges erfahrener. 

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Fernblick / Matthias Kronfuss

Woher bekommst du die Handwerker?

Michael: Ganz unterschiedlich. Es ist ganz wichtig, dass die Menschen das Gefühl haben, sie arbeiten an etwas ganz Großartigem und dass man sie für ihre Handarbeit und für ihre Arbeit extrem schätzt. Wir legen großen Wert auf Hochwertigkeit. Das spürt man hier auch. Wer streng kalkuliert, würde niemals so bauen.

Andreas: Ich bin ja hauptberuflich Unternehmensberater und ziemlich traumatisiert, weil ich viele Nächte in der Woche in Hotels war und immer noch bin. Und die Hotels in den Städten sind einfach so lieblos und schauen irgendwie alle gleich aus. Die Villa Antoinette hat da einen ganz anderen Spirit, und mit dem Fernblick wollten wir schauen, ob das Konzept auch in einer anderen Größe funktioniert.

Wie kann ich mir die Reaktionen der Dorfbewohner vorstellen, als ihr angefangen habt, die Fassade mit rosa Kacheln zu verkleiden und den Instagram-tauglichen Schwanensessel reinzutragen?

Andreas: Da muss man ausholen. Nachdem die Villa Antoinette fertig war, sind wir immer mal wieder an einem großen alten Gasthof in Payerbach vorbeigefahren. Und als wir zum Batterieaufladen in Ägypten waren, habe wir gesehen, dass er zum Kauf angeboten wird. Und zwar zu einem Preis, bei dem wir dachten, es wäre hinten einfach eine Null vergessen worden. Wir haben den Gasthof gekauft und plötzlich kam die Flüchtlingskrise. Als es im August 2015 dann in Parndorf die schlimme Tragödie mit über 70 Toten gab, haben wir uns gesagt: Wir stellen das Haus jetzt als Flüchtlingsheim zur Verfügung und können es später dann irgendwann als Hotel nutzen.

Michael: Wir haben hier im Ort also schon einen Namen gehabt. Die Leute wussten, dass wir ein Flüchtlingsheim haben und hatten vielleicht ein wenig Sorge, dass wir aus dem Fernblick auch eines machen. Dabei haben wir immer unsere Pläne offen gelegt und gesagt, dass wir in die Gegend investieren wollen.

Andreas: Aber ein latentes Misstrauen war immer da. Es gab dann eine lustige Situation als die ersten Stützwände schon standen und bereits ersichtlich war, dass ein massives Gebäude entsteht. Da hörte ich Michael plötzlich im Garten mit den Nachbarn schreien: „Was glaubt's ihr eigentlich, was wir hier tun? Glaubt's, wir bauen um eine halbe Million Euro eine Raucher-Terrasse für die Flüchtlinge?“ Und dann sind alle so dagestanden und haben registriert „Naja, das ist ja Argument.“ Ab da haben sie uns geglaubt und waren ganz entzückend. Sie unterstützen uns auch viel, weil sie sehen, wie viel Arbeit wir in den Fernblick stecken.

Michael: Der Ort war ja am Ende. Hier gab es gar nichts, hier gab's nur Abwanderung. Es gab keine Jobs mehr, es wurde nichts mehr gebaut.

Andreas: Und es gab auch keine Perspektiven mehr für die Jugend. Ich werde nie vergessen, wie wir unseren Eingang mit der Kino-Tafel das erste Mal erleuchtet haben. Da ist der ganze Ort zusammengelaufen, die Leute haben sich aus dem Wirtshaus gegenüber eine „Überschwemmung“ – das ist ein großer weißer Spritzer – geholt, sind dagesessen und haben diesen Eingang angestarrt. 

 

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Ein echter Change-Moment ...

Michael: Absolut. Und dann stand die erste Hochzeit an und alle haben so mit uns mitgefiebert. Sie haben gemerkt, dass da zwei Trotteln sind, die hier ohne großen Investor ein Projekt stemmen und nebenher auch noch ihren normalen Jobs nachgehen. Sie haben sehr genau gecheckt, wie viel wir arbeiten und dass wir ausgelaugt sind und alles, was wir haben, hier investieren. Und seit das Ganze angefangen hat, Formen anzunehmen, sind sie wirklich so stolz auf den Fernblick. Früher gab es im Ort ja viele Kaffeehäuser und Hotels. Bis in die 1990er Jahre war es der Ort, wo jeder Skifahren gelernt hat …

Andreas: Wir haben kürzlich auch das Hotel gekauft, das genau vis a vis vom Fernblick liegt. Da ist ein 25-Meter-Schwimmbecken drinnen. Beim Frühstück hat mich neulich eine Frau angesprochen, die dort mit der Schule als Kind das Schwimmen gelernt hat – demnächst bauen wir genau da einen Wellnessbereich mit Sauna und Dampfbad ein. Das wird sehr lustig!

Michael: Auf der anderen Seite haben wir bewusst Dinge etabliert, die davor schützen, auf einer abgehobenen Wolke unterwegs zu sein. Vor der Pandemie wurde der Fernblick jeden Sonntag zum Knödel-Wirtshaus, das sich auch an Heimische wendete. Denn hier passieren ja schon ganz unglaubliche Events: Hochzeiten, bei denen alle Gäste im Smoking oder im langen Abendkleid kommen, die hollywoodreife Abendgesellschaft im Blitzlichtgewitter verschwindet, und plötzlich Bentleys, Porsches und die verrücktesten Autos vor der Tür stehen.

Und stehen die Einheimischen immer noch mit „Überschwemmung" vor der Tür und schauen zu?

Andreas: Ja, ich glaube schon. Sie sind generell einfach wahnsinnig stolz drauf und sie sind irrsinnig lieb. Die „Vorstadtweiber“ haben vor kurzem hier ihr Finale gedreht – ich glaub, der Ort war noch stolzer darauf als wir, weil sie das ja auch so gerne schauen.

Michael: Wir sind allerdings auch sehr nahbare Menschen und gehen auf die Gäste zu. Wir haben in diesen konservativen Ort eine Vermischung reingebracht, die ganz gut ist: Zwei schwule Eigentümer, unser diverses Servicepersonal – für einige war es tatsächlich das erste Mal, dass sie einen schwarzen Menschen kennengelernt haben. Am Anfang gab es unglaubliche Gespräche, weil einige Ortsbewohner völlig überfordert damit waren. Nachdem einige dumme Sprüche gefallen sind und ich damit gedroht habe, den nächsten, der etwas Unangebrachtes über unseren Mitarbeiter sagt, rauszuschmeißen, gab es dann eine Entschuldigung – und einen tollen Lernprozess. Es kam dann sogar so weit, dass ein Verwandter unseres Mitarbeiters in Ghana zum Stammeshäuptling gekrönt wurde und einige Leute im Ort bereits das Flugticket gebucht hatten, weil sie ihn zur Krönung begleiten wollten. Dann kam leider Corona dazwischen … Mittlerweile verstehen sich alle ganz toll miteinander.

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Fernblick / Ivory Rose

Und das heißt, es darf jetzt auch mal ein bisschen lauter werden?

Andreas: Wir nehmen schon Rücksicht. Mittlerweile gibt es auch unter der Woche Veranstaltungen und da ist es wichtig, dass spätestens um 22 Uhr im Garten Schluss ist, aber in der Felsenbar bis in die Morgenstunden weitergefeiert wird.

Das Hotel gegenüber ist euer nächstes Projekt. Warum noch ein weiteres Haus?  

Michael: Wir brauchen mehr Betten. Und wir brauchen einen großen Spa. Beides ist wichtig, weil wir viele Firmen anziehen, die für ihre Events Einzelzimmer brauchen und auf ein wenig Entspannung Wert legen. Daher die Idee, dass beide Häuser zusammenarbeiten.

Andreas: Aber es gab auch die Befürchtung, dass irgendein Investor das Haus kauft und absahnt. Wenn wir Hochzeiten veranstalten, hätte dieser dann vielleicht den doppelten Preis fürs Zimmer verlangt und wir hätten eine blöde Nachrede gehabt.

Michael: Außerdem hatten wir Angst, dass es abgerissen wird. Wir versuchen sehr, das Ortsbild hier zu schützen, diese Landidylle zu wahren. Auch in Gesprächen mit Nachbarn, denen wir erklären, wie kostbar eigentlich ihre wunderschönen alten Häuser sind.

Was sind eure Pläne für das Haus vis-à-vis?

Michael: Wird ganz anders werden als das Fernblick, viel verspielter. Ich nenne es immer gerne unser „Pariser Bordell in den Bergen“. Und das Bergschlössl am Semmering, an dem wir jetzt gerade arbeiten, wird wiederum ganz mondän und irrsinnig elegant.

Andreas: Das Problem ist der Willhaben-Newsticker (lacht). Der Moment war für uns weder zeitlich noch finanziell ideal, aber wenn da so ein Haus wie das Bergschlössl auftaucht, dann muss man alles zusammenreißen, was geht. Und nach einigen Verhandlungsrunden mit der Bank haben wir es dann gekauft.

Ihr habt keine Partner, die mitfinanzieren könnten?

Andreas: Nein. Weil dann ist der Spaß vorbei. So können wir machen, was wir wollen. Wir können die Tapeten reinnehmen, die wir wollen, und anfangen zu bauen, wann wir wollen. Wir sehen das auch als ganzheitliches Projekt: Wenn wir ein schönes Haus haben, ist das auch wieder eine Referenz für unser Interior Design Büro.  

Wie ist euer Verhältnis zum Dorf St. Corona. Seid ihr schon Ehrenbürger?

Andreas: Ich glaube, sie mögen uns zumindest. Und die Landeshauptfrau liebt uns dafür, dass wir ihre toten Dörfer entdecken und wiederbeleben. Aber deswegen machen wir es natürlich nicht.

Michael: Was uns wahnsinnig beflügelt hat, war eher das mediale Echo, etwa wenn die Süddeutsche Zeitung schreibt „Die Retter vom Semmering“. Der Semmering erlebt eine Renaissance, die gerade richtig los geht. Hier werden ja diverse Häuser saniert.

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Fernblick / Ivory Rose

In Zeiten von Krieg und Klimakatastrophe ist der Urlaub vor der Haustür sicher auch sinnvoll. 

Andreas: Es muss ja kein entweder oder sein. Wer nur ein paar Tage im Jahr frei hat, wird sicher nicht zu uns kommen. Aber wenn es mal um ein freies Wochenenden geht, spielen wir inzwischen auch mit zwischen Mykonos und Kitzbühel.

Michael: Das Thema Flug-Shaming wird noch größer werden. Deshalb bekommen wir am Semmering einen Eisenbahn-Zugang fürs Bergschlössl. Unser Grund geht bis zum Bahnhof hinunter und von dort wird ein eigener Weg anlegen. 

Könntet ihr euch eigentlich vorstellen, ein Projekt als Impulsgeber zu entwickeln und es dann wieder zu verkaufen?

Michael: Nein, das sind schon unsere Babys. Allein unseren Mitarbeiter*innen gegenüber könnten wir das nicht machen.

Andreas: Wir haben ja für alle Häuser unsere Geschäftsführung und sind dort operativ nicht tätig. Das könnten wir auch nicht, weil wir noch unsere Fulltime-Jobs haben. Wieso sollten wir also etwas verkaufen, womit wir nur Freude haben? Klar, wenn man ein Haus wieder abstößt, könnte man wieder woanders etwas entwickeln. Aber da fließt so viel Arbeit rein …

Michael: Wir setzen ja nicht irgendwo einen Betonklotz hin. Ich war allein im Fernblick unzählige Stunden, ich zeichne ja alle Entwürfe mit der Hand. Es gab so viele schlaflose Nächte, in denen ich Sachen kreiert und mir Konzepte überlegt habe. So etwas stößt man dann nicht einfach ab. Für was? Für Geld? Und was macht man dann damit?

Kann man es eigentlich genießen, wenn fremde Menschen in dem Haus sind, in das man so viel Liebe gesteckt hat?

Michael: Ja, ich kann da total loslassen. Falls etwas kaputt gibt, kommt die Versicherung dafür auf. Wenn nicht bewusst randaliert wird, was noch nie vorkam, verzeihe ich allen Menschen alles. 

Andreas: Die meisten Schäden wurden leider von uns selbst fabriziert. Unsere Gäste merken, mit wie viel Liebe fürs Detail hier gearbeitet wird und haben Respekt vor dem Ganzen. Im Fernblick wurde auch noch nie etwas gestohlen, obwohl alle Bereiche recht offen sind.

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Fernblick / Ivory Rose

Bauen ohne Investor schein ein großes Thema für euch zu sein, oder?

Michael: Wir haben bis jetzt alles selber gemacht. Wir sind keinen Investoren Rechenschaft schuldig. Wir sind der Politik nicht Rechenschaft schuldig. Wir sind nur uns gegenseitig und unseren Mitarbeitern Rechenschaft schuldig. Wir machen die Dinge mit Leidenschaft. Ich kenne beispielsweise von niemandem im Team den Lebenslauf. Wir wissen, dass die Leute das Herz am richtigen Fleck haben und übergeben ihnen schnell viel Verantwortung. Somit ist aber auch klar, dass das wirklich „ihr" Haus ist. Die sind sogar zu uns streng … Aber es ist ja auch ihre Lebensgrundlage. Wir haben noch andere Jobs.

Andreas: Wir haben die Häuser teilweise sogar gemeinsam fertig gebaut. Einmal ist die Baufirma pleite gegangen und wir hatten kein Geld, eine neue zu beauftragen. Glücklicherweise hatte das Unternehmen aber alle Gerätschaften bei uns stehen lassen – und in der Sonnenblende den Schlüssel deponiert. Der Michi hat dann schnell Bagger fahren lernen müssen. Und der Herr Edi, der jetzt die Villa Antoinette betreut, musste im Internet schauen, wie Beton angemischt wird.