Was haben alte Mostbirnsorten, Pflanzenkohle und feste Seife gemeinsam? Sie alle sind Teil der Vision für das RelaxResort Kothmühle: möglichst viel in Kreisläufen zu denken. Christiane, Johannes und Elisabeth Scheiblauer erzählen, warum 90 Prozent Bio bei Lebensmitteln und Getränken erst der Anfang sind, was sie mit Pyrolyse vorhaben und warum große Veränderungen manchmal klein beginnen.
Wie wird aus einer alten Mühle ein Kreislaufhotel? Indem man nie aufhört, sie weiterzudenken. Seit 1866 macht das in der Kothmühle Familie Scheiblauer. Wo Oma Marianne mit 87 Jahren noch immer aus Mostbirnen ihren Schnaps brennt, wird von den nächsten Generationen fleißig an der Zukunft des Hauses getüftelt.
Johannes Scheiblauer wollte nie Hotelier werden. Christiane begann in der Kothmühle als Mitarbeiterin. Und Schwiegertochter Elisabeth hat Umwelt- und Bioressourcenmanagement studiert und wollte den elterlichen Bio-Bauernhof übernehmen. Gekommen ist es anders: Heute sitzen die drei gemeinsam am Tisch und planen Pyrolysekraftwerk, Pflanzenkläranlage und den Mitarbeiter*innenausflug. Johannes mit einem Faible für die Technik und Innovation, Elisabeth mit ihrem Wissen über Bio, Böden und Ressourcen und Christiane sorgt dafür, dass der Fortschritt auch immer dem Wohlbefinden der Gäste dient. Demnächst gesellt sich ein weiteres Familienmitglied zu dem Vordenker-Trio: Johannes Scheiblauer Junior, Elisabeths Mann.
Johannes, du wolltest den Familienbetrieb ursprünglich gar nicht übernehmen. Was hat deine Meinung geändert?
Johannes: Meine Eltern haben nur gearbeitet und ich habe mir geschworen: alles, nur das nicht. Dann habe ich Wirtschaft studiert und schnell gemerkt, dass ich als Unternehmer etwas bewegen kann. Also warum nicht in der Kothmühle? Ich war überzeugt, ich kann es ja anders machen.
Ist dir das gelungen?
Johannes: Ich denke schon. An meinem ersten Abend bin ich gleich mit meiner Mutter aneinandergeraten, weil ich das leere Gasthaus zur Sperrstunde zugesperrt hab, obwohl kurz darauf noch Gäste gekommen wären. Für sie undenkbar, sie hätte sofort wieder aufgesperrt.
Jetzt sind wieder zwei Generationen am Ruder. Sind eure unterschiedlichen Blickwinkel Fluch oder Segen? Rudert ihr in dieselbe Richtung?
Elisabeth: Auf alle Fälle! Ich weiß viel über Landwirtschaft, Bio und Bodengesundheit. Johannes denkt technisch und datengetrieben und schaut auf die großen Hebel: Wie heizen wir? Woher kommt unser Strom? Wie viel Wasser brauchen wir?
Johannes: Ein Plastiksackerl einzusparen ist toll. Aber mit guter Isolierung, besseren Fenstern, Heizung und Energieversorgung kannst du ein Vielfaches bewirken. Mich interessiert deshalb immer: Wo können wir Großes bewegen?
Gab es bei euch einen Moment, an dem Nachhaltigkeit zum großen Thema wurde?
Johannes: Ich hab viel zu dem Thema gelesen. Was der Club of Rome veröffentlicht hat, hat mich aufhorchen lassen. 1990 hatten wir schon eine Hackschnitzelheizung, 2012 haben wir ein großes Energiesparprojekt gestartet, Heizöl ersetzt, auf LED umgestellt und dann ein E-Auto angeschafft. Das waren Themen, die damals noch nicht „hip“ waren, und wir haben sie auch nicht kommuniziert.
Trotzdem warst du beim Umweltzeichen zunächst skeptisch?
Johannes: Als das Umweltzeichen aufkam, habe ich anfangs gesagt: „Den Schas brauche ich nicht, wir machen eh schon so viel.“ Ich musste erst verstehen, was so ein systematischer Blick bringt. Aber Elisabeth kann da sehr überzeugend sein.
Elisabeth: 2018 habe ich das Österreichische Umweltzeichen erarbeitet. Da ging es dann ums Eingemachte und durch alle Bereiche: 100 % Ökostrom, wassersparende Armaturen, umweltzertifizierte Reinigungsmittel, Mehrweggebinde und Abfallmanagement.
Was bringen Zertifizierungen?
Elisabeth: Im besten Fall halten sie dir einen Spiegel vor. Durch den Sustainable Development Index haben wir zum Beispiel gesehen, dass Wasser eine unserer Schwachstellen war oder welchen Einfluss die Wahl des Kältemittels auf unsere CO₂-Bilanz hat. Die Erkenntnisse verändern dann unsere Entscheidungen.
Heute lautet euer großes Ziel: ein „Kreislaufhotel“ werden. Was bedeutet das konkret?
Elisabeth: Wir wollen Ressourcen möglichst lange bei uns im Kreislauf halten. Energie, Wasser, Lebensmittel, organische Reststoffe – überall stellen wir uns die Frage: Was verlässt den Betrieb heute als Abfall, obwohl es eigentlich noch einen Wert hat?
Einer eurer spektakulärsten Pläne diesbezüglich ist eine Pyrolyseanlage. Was ist das und was soll die können?
Johannes: Eine Pyrolyseanlage spaltet Biomasse, z.B. Hackschnitzel, durch Erhitzung unter Sauerstoffausschluss. Sie verbrennt nicht, sondern zerfällt in ihre chemischen Bestandteile und erzeugt Strom und Wärme. Bei der Pyrolyse entsteht keine Asche, sondern Pflanzenkohle. Die können wir als Wasserspeicher zur Bodenverbesserung in der Landwirtschaft einsetzen. Und mit der Wärme, die bei dem Prozess entsteht, wollen wir Pool und Saunen heizen.
Christiane: Und außerdem ein Gewächshaus für eigene Bio-Kräuter und Sprossen!
Auch Wasser wollt ihr künftig möglichst auf dem Grundstück halten. Warum beschäftigt euch das gerade jetzt so intensiv?
Johannes: Wir haben vier Hektar Wiese und Wald, Quellwasser aus dem eigenen Brunnen, einen Bach. Lange dachten wir: Wasserknappheit wird bei uns kein Thema. Die trockenen Sommer zeigen uns inzwischen etwas anderes. Aktuell verschwenden wir rund 12.000 Kubikmeter Wasser nach der Nutzung ans Schwarze Meer.
Und ihr wollt lieber Wasser aufbereiten?
Elisabeth: Wir planen Zisternen und eine Pflanzenkläranlage. Das gereinigte Wasser soll künftig als Brauchwasser für Wäscherei und Gartenbewässerung wiederverwendet werden. Die letzte Stufe der Anlage – mit Schilf und einem Teich – wird Teil des Relax-Gartens. Uns gefällt der Gedanke, Kreislaufwirtschaft nicht irgendwo im Technikraum zu verstecken, sondern sie für unsere Gäste sichtbar zu machen.
Neben den großen Neuerungen entdeckt man bei euch in den öffentlichen Waschräumen auch innovative Spender für feste Seifenblöcke. Braucht es auch die kleinen Dinge?
Christiane: Es geht nicht darum zu sagen: Wenn die Heizung wichtiger ist, ist der Plastikstrohhalm egal. Wir müssen beides tun.
Elisabeth: Viele kleine Maßnahmen verändern Gewohnheiten. Sie machen erlebbar, dass man Dinge auch anders machen kann. Zum Beispiel feste Seife benutzen, die dreimal sparsamer verwendet wird und ohne Einwegplastik auskommt.
Beim Essen seid ihr konsequent: Was hat euch bewogen, „Bio“ zu werden?
Christiane: Ein Vortrag der Bio-Bäuerin Poldi Adelsberger. Das Thema war „Regional ist nicht Bio“. Mir wurde dabei bewusst, dass Herkunft nichts darüber aussagt, wie ein Lebensmittel produziert wurde.
Elisabeth: Ich bin auf einem Bio-Bauernhof groß geworden. Bei Bio geht es um kontrollierte Vorgaben – für Bodengesundheit und Tierhaltung, für Pflanzenschutz und Düngung und für Artenvielfalt.
Ihr habt es innerhalb von vier Jahren geschafft, euren Bio-Anteil beim Essen von 20 auf 90 Prozent zu erhöhen. Was fehlt noch auf die 100?
Elisabeth: Seit 2026 sind wir tatsächlich Bio-Austria-Gold-Partner! Bei Spirituosen für unsere Cocktails sind wir noch dran, unseren Barkeeper zu überzeugen, auf ein paar internationale Marken zu verzichten.
Musstet ihr dafür auch langjährige Lieferant*innen austauschen?
Elisabeth: Teilweise ja. Viel schöner ist aber, wenn wir sie auf unseren Weg mitnehmen. Einige unserer Partner*innen haben sich zertifizieren lassen, weil wir gesagt haben: Wir würden wahnsinnig gerne weiter mit euch arbeiten, aber dafür brauchen wir Bio. Als größerer Betrieb können wir da in der Region etwas ins Rollen bringen.
Wie haben die Gäste auf euren Bio-Change reagiert?
Johannes: Überraschend gut: Vom regionalen Bio-Craft-Bier der Bruckner Brauerei wird sogar zwei- bis dreimal so viel getrunken. Damit hatten wir nicht gerechnet.
Was wächst eigentlich direkt bei euch?
Christiane: Auf unseren Streuobstwiesen stehen rund 300 Obstbäume. Aus Äpfeln, Birnen, Aronia, Dirndl und Holunder machen wir eigene Säfte, außerdem Destillate und Marmeladen. Die Säfte füllen wir aus Edelstahltanks direkt in Karaffen, ganz ohne Verpackungsmüll. Und wir dekorieren schon seit vielen Jahren großteils mit dem, was im Mostviertel wächst: mit Zweigen, Gräsern oder Früchten.
Ihr habt 2023 eure erste Gemeinwohlbilanz veröffentlicht. Was hat die bei euch verändert?
Elisabeth: Sie zwingt uns, genau hinzuschauen. Wir beschäftigen uns dadurch mit dem CO₂-Fußabdruck pro Nächtigung, unseren Lieferant*innen – und dem Wohl unserer Mitarbeitenden.
Für eure Unternehmenskultur seid ihr mit dem „Best for People“-Award ausgezeichnet worden. Was bedeutet Fairness für euch?
Johannes: Dass Menschen eine Stimme haben. Seit mehr als zehn Jahren führen wir zweimal jährlich Mitarbeiterbefragungen durch und kommunizieren die Ergebnisse beim Sommerfest und der Weihnachtsfeier auch wieder zurück. Mit Maria, meiner Schwester, haben wir eine eigene HR-Verantwortliche und Ombudsfrau, die für die Anliegen unseres Teams da ist.
Aus der Gemeinwohlbilanz ist sogar ein eigenes Programm für eure Mitarbeitenden entstanden?
Elisabeth: Wir machen mehrtägige Betriebsreisen, über die die Mitarbeitenden direkt abstimmen können. Und einmal im Monat gibt es einen Ausflug: Wir besuchen Produzent*innen, gehen wandern, radeln oder kegeln. Die Kinder sind da auch gern dabei!
Gratis im Hotel übernachten – gehört das bei euch auch zum Job?
Johannes: Wer sechs Monate bei uns arbeitet, bekommt die Silber-Card der Symposion-Hotels, bei denen wir mit unserem Seminarangebot auch Mitglied sind. Damit können unsere Mitarbeitenden 12 Tage kostenlos in den anderen Mitgliedsbetrieben Urlaub machen. Sie dürfen die Seiten wechseln, selbst einmal Gast sein – und dabei andere Hotels kennenlernen.
Die Ausbildung junger Menschen ist euch besonders wichtig. Warum?
Johannes: Die Hotellerie wächst, aber die Lehrlinge und die Ausbildungsbetriebe werden von Jahr zu Jahr weniger. Viele Betriebe wollen sich den Ausbildungsaufwand schlicht nicht mehr antun.
80 Prozent eures Küchenteams haben bei euch gelernt. Macht euch das ein bisschen stolz?
Johannes: Natürlich. Küchenchef Christoph und Souschef Stefan sind schon seit über 10 Jahren bei uns. Serviceleiter Dietmar seit über 35 Jahren. Auch unser Jungkoch Niklas hat bei uns gelernt.
Was ist eure „Geheimzutat“, damit Mitarbeitende gerne bleiben?
Christiane: Goodies und Benefits sind super, aber was zählt, sind Wertschätzung, Mitbestimmung und das Gefühl, gehört zu werden. Entscheidend ist, wie wir im Alltag miteinander umgehen und dass man gemeinsam Perspektiven schafft.
Apropos Perspektiven: Wenn wir euch 2035 wieder besuchen: Was soll dann anders sein?
Christiane: Wir haben schon seit zwanzig Jahren eine Idee, die uns nicht loslässt, und stehen jetzt kurz vor der Verwirklichung: Die Straße, die das Resort in zwei Teile schneidet, soll verlegt werden.
Elisabeth: Im Zuge dessen sind neben unserem Energiehaus noch einige größere Veränderungen geplant, zum Beispiel Terrassen zum Draußensitzen in der Morgen- und Abendsonne oder mit PV-Modulen beschattete Parkplätze und eine Kompostieranlage.
Was denkt ihr, wie werden Menschen in 30 Jahren Urlaub machen?
Johannes: Die Sehnsucht der Menschen, die Welt zu sehen, wird nicht verschwinden. Aber die Sehnsucht nach intakter Natur wird größer werden und die Menschen aus den Städten werden die Ruhe und das Grün auf dem Land suchen.
Elisabeth: Und sie werden in Amstetten aus dem Zug steigen und mit selbstfahrenden oder fliegenden E-Shuttles hier bei uns ankommen.
Was soll die Kothmühle in dieser Zukunft sein?
Elisabeth: Unsere Vision ist einfach – auch wenn ihre Umsetzung alles andere als einfach ist: Johannes und ich wollen für unsere drei Mädels die Welt ein Stück besser hinterlassen, als wir sie vorgefunden haben.
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