Change Maker Hotel Koos Desiree und Isabelle Reich
Foto: Karin Wasner
München

Desiréé und Isabelle Reich –
Hotel Koos München

Interview • Locationtipps

Konsequent und zielstrebig verfolgt die Eigentümerfamilie Reich mit dem neu gestalteten Koos im Zentrum von München ihre Vision vom Stadthotel der Zukunft. Wo das Papier geblieben ist, warum das Team hier auch Familie ist und wie sie Mitarbeitende und Gäste mit ihren Vorstellungen einer besseren Welt inspirieren wollen, verraten Isabelle und Desiréé im Interview.

Karin Wasner

Ein familiengeführtes Stadthotel ist selten genug, ein nachhaltig geführtes noch seltener. Familie Reich schafft beides. Mutter Desiréé ist der gute Geist, sie sieht alles und spürt alles. Sie ist die meiste Zeit vor Ort und bemüht, dass es Mitarbeitenden und Gästen an nichts fehlt. Desiréé ist die Ästhetin und zuständig „fürs Auge“. Tochter Isabelle (28) hat Medien, Kommunikation und Hotelmanagement studiert und begeistert sich für Marken- und Designentwicklung – „mit allem, was mit Kommunikation zu tun hat“. Sie flitzt quirlig durchs Haus und steckt mit ihrer fröhlichen Art anderen an. Vater Harro ist der Tüftler, als Planer und Techniker organisierte er alle Umbauten während Sohn Henri (24) BWL, Bau- und Immobilienwirtschaft studiert und sich vor allem für neueste Technologien einsetzt – zum Beispiel beim Thema Energie.

Wie seid ihr überhaupt zu Hoteliers geworden?

Desiréé: Begonnen hat es hier an der Sonnenstrasse vor 16 Jahren. Mein Mann Harro war im Immobilienbereich tätig, wir beide waren studierte Betriebswirte. Das Hinterhaus mit Ferienapartments war verpachtet – bis der Pächter irgendwann ins Ausland verschwand und das Gebäude leer stand. Wir haben damals gedacht: „Was der kann, können wir schon lange!“ Bis dahin hatten wir – außer als Gäste – mit Hotels nichts am Hut. Es war viel Arbeit, aber wir hatten Lust drauf.

War Nachhaltigkeit damals schon ein Thema?

Desiréé: Harro war schon immer sparsam und Verschwendung konnten wir noch nie ausstehen. LEDs gab es bei uns deswegen schon von Anfang an.
Isabelle: Damals habt ihr das Haus mit nur einem Mitarbeiter und Papa an der Rezeption geführt.

Wann kam der erste große Change auf dem Weg zum Koos, das wir hier heute sehen?

Desiréé: Als 2010 in der Weltwirtschaftskrise das Versandhaus Quelle pleite ging, haben wir das große Haus an der Straße dazu gemietet. Eine Riesenumstellung – von ein paar Apartments auf 95 Zimmer!

Ein ehemaliges Warenhaus wird zum Hotel? Klingt nach Mega-Baustelle?

Desiréé: Wir mussten das Gebäude komplett entkernen, dämmen, Fenster tauschen und weitläufige Verkaufsflächen zu Zimmereinheiten umbauen. Bestehendes nutzen und für die Zukunft weiterentwickeln, das war unser Gedanke.

Entwickelt hat sich dann ja so einiges. Am 29. Februar 2024 habt ihr das Koos mit neuem Namen und neuem Konzept eröffnet. Wieso?

Isabelle: „Koos“ ist estnisch und bedeutet „gemeinsam“. Davor waren wir einfach das City Aparthotel München. Während der Coronazeit hatten wir viel Zeit, uns Gedanken zu machen, Ideen zu diskutieren, Visionen zu entwickeln. Wir haben uns gefragt, wo wir hinwollen, wer wir sein wollen, was für eine Zukunft wir uns wünschen. Und welchen Beitrag wir mit einem Hotel dafür leisten können.

Ist der Name Konzept?

Isabelle: Unbedingt, ja! Gemeinschaft ist unser zentraler Wert. Wir treffen Entscheidungen gemeinsam, wir hören aufeinander. Dabei meine ich nicht nur uns als Familie sondern alle Mitarbeitenden im Hotel. Wir sind ein Team. Zukunft kann man nur gemeinsam denken. Die Welt, in der wir leben wollen, ist eine, die wir alle gemeinsam gestalten müssen oder besser: gestalten dürfen.

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Eure Mitarbeitenden werden in Entscheidungen involviert?

Isabelle: Sie sind direkt am Gast und merken als erstes, wo es Potenzial gibt. Es wäre dumm, sie nicht anzuhören.

Wie sieht das praktisch aus?

Isabelle: Wir haben ein internes Kommunikationstool, quasi ein Facebook nur fürs Hotel. Da wird fleißig kommuniziert und sich ausgetauscht.
Desiréé: Jährlich gibt es eine anonyme Befragung, wo jeder und jede alles sagen darf, was auf der Seele brennt.

Ihr legt großen Wert auf Motivation und Entwicklung, was tut ihr dafür?

Isabelle: Wir fördern individuelle Weiterbildungen, bieten im Hotel wöchentlich einen Deutsch Sprachkurs an und veranstalten viele interne Schulungen, auch zum Thema Nachhaltigkeit.
Desiréé: So wollen wir das Bewusstsein für das wichtige Thema multiplizieren, es über unsere Mitarbeitenden weiter in die Welt tragen.

Eure Gästeschar ist bunt, von der finnischen Großfamilie auf Urlaub bis zum Businesstraveller aus Asien ist alles dabei. Wie schaut das bei eurem Team aus?

Isabelle: Aktuell sind es glaube ich 16 verschiedene Nationalitäten, die hier arbeiten. Von China bis zur Elfenbeinküste.
Desiréé: Wir haben einen sehr hohen Frauenanteil in Führungspositionen. Nur der Housekeepingmanager und der Leiter der Buchhaltung sind Männer. Obwohl gerade in diesen Bereichen normalerweise besonders viele Frauen arbeiten.

Viele Hotels buhlen inzwischen um gute Mitarbeiter*innen mit Goodies aller Art. Was habt ihr euch da überlegt?

Desiréé: Wir übernehmen die öffentliche Nahverkehrstickets, die meisten von uns wohnen ja ohnehin in München und kommen mit Rad oder Öffis.
Isabelle: Freizeit und ein körperlicher Ausgleich ist uns persönlich wichtig. Deshalb wollen wir das auch für unser Team fördern. Wir sponsern allen eine Mitgliedschaft beim Urban Sports Club. Da ist für jeden und jede etwas dabei: Fitness, Schwimmen, Tanzen oder Yoga. Wir zahlen dafür 40 Euro pro Monat, der Mitarbeitende nur mehr zehn.

Wo soll euer Weg hinführen?

Isabelle: Hoffentlich in eine Zukunft, in der wir andere inspiriert haben, auch hinzuschauen und anzupacken.
Desiréé: Und wenn sich nur ein Gast zuhause denkt: Hm, muss ich das jetzt wirklich ausdrucken, ist schon was gewonnen!

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Change Maker Hotel Koos Muenchen Buffet
Foto: Karin Wasner
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Change Maker Hotel Koos Muenchen Kuechenteam
Foto: Karin Wasner

Ihr körperliche Wohl ist euch also wichtig, wie steht es um das seelische?

Isabelle: Es gibt es eine Vertrauensperson für die Mitarbeitenden, einen Coach, der alle paar Monate für das Team zur Verfügung steht – an ihn kann sich jeder einzelne wenden und seine Probleme besprechen. Das kann Berufliches sein, aber auch private Sorgen.
Desiréé: Einmal im Quartal versuchen wir, einen gemeinsamen Ausflug zu organisieren. Es ist wichtig, sich als Teil eines großen Ganzen zu fühlen, das stärkt die Identifikation und die Freude an der Arbeit.

Was waren eure großen Schritte Richtung Nachhaltigkeit?

Isabelle: Energietechnisch sicher die 50 KW große PV Anlage und unser Blockheizkraftwerk im Hinterhaus. 50 Prozent unseres Stroms erzeugen wir bereits selbst. Das Heizkraftwerk erzeugt außerdem direkt am Standort höchst effizient und ohne Transportwege gleichzeitig Strom und Wärme. Harro und Henri haben sich für diese beiden Innovationen mit aller Kraft eingesetzt.
Desiréé: Die technischen Anforderungen, damit die beiden Anlagen zusammenlaufen und der Aufwand für die Genehmigungen bei einem Mietshaus hier in der Innenstadt waren enorm.

Ihr kompensiert eure CO2 Emissionen indem ihr klimafreundliche Projekte unterstützt. Oft wird Offsetting als der „easy way out“ kritisiert. Wie denkt ihr darüber?

Desiréé: Wir arbeiten hart daran, unsere Emissionen immer weiter zu reduzieren, aber ganz ohne Offsetting wird es wahrscheinlich nicht gehen. Unser finanzieller Beitrag bringt anderswo auf der Welt den Klimaschutz voran, da könnte man viel bewirken, wenn das mehr Unternehmen machen würden.

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Change Maker Hotel Koos Muenchen Tische
Foto: Karin Wasner
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Change Maker Hotel Koos Muenchen Lobby Lounge
c KOOS Hotel München

Wieviele Tonnen waren es im letzten Jahr, die ihr ausgeglichen habt?

Isabelle: Für 2023 haben wir noch keine Zahlen, das wird sehr aufwendig in Zusammenarbeit mit der Plattform klimahelden.eu errechnet. 2022 waren es 239 Tonnen. Mit dem Ausgleich unterstützen wir ein Wasserkraftwerk in Zentral-Chile, das die Menschen in der Region mit erneuerbarer Energie versorgt.

Können auch eure Gäste ihren Fußabdruck ausgleichen?

Desiréé: Wir haben seit einigen Jahren einen Unternehmenswald auf den Philippinen und kaufen dort regelmässig Bäume. Und wenn ein Gast 5 Euro mehr pro Nacht bezahlt, werden auf den Philippinen Mangroven gepflanzt und Plastikmüll gesammelt.

Wieviele Mangroven habt ihr schon auf dem „guten Gewissen“?

Isabelle: Es müssten etwas 330 Bäume sein über die letzten beiden Jahre. Wir kriegen auch immer tolle Bilder und beim Eröffnungsevent waren die Betreiber des Projektes hier, um es vorzustellen. Aus dem gesammelten Plastik werden Stühle für Schulen gemacht, das schafft Arbeitsplätze vor Ort. Das Projekt hat mich damals überzeugt, weil da viel bedacht wurde und viel zusammenwirkt.

Worauf seit ihr besonders stolz?

Isabelle: Seit letzten Oktober sind wir Green Sign Level 5 zertifiziert! Von Level 3 – mit dem wir 2021 direkt eingestiegen sind – auf Level 5 zu kommen, war noch einmal ein großer Kraftakt, an dem wir hart gearbeitet haben.

Das Nachhaltigkeitslabel zertifiziert über 800 Unternehmen in 17 Ländern, was bedeutet Level 5?

Isabelle: Das ist die höchste Stufe, nur 13 Hotels in Deutschland tragen diese Auszeichnung und wir sind unter ihnen das einzige Stadthotel!

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Change Maker Hotel Koos Muenchen Zimmerschluessel Smartphone
Foto: Brandy & Coco
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Change Maker Hotel Koos Muenchen Zimmer Tag

Warum findet man in einer Stadt wie München nicht mehr Hotels, die auf Nachhaltigkeit setzen?

Desiréé: Eine gute Frage. Wahrscheinlich, weil man es nicht notwendig hat. Wenn das Hotel ohnehin voll ist, tun sich viele den Aufwand nicht an.

An welchen Schrauben musste für Level 5 noch gedreht werden?

Isabelle: Ressourcenschonung in allen Bereichen ist ein wichtiges Thema. Im Bereich Energie, aber auch betreffend Lieferketten, Transport, Reinigung oder das Thema Mülltrennung- bzw. vermeidung.

Ist deshalb das Papier aus dem Koos verschwunden?

Isabelle (lacht): Wir haben ja schon als Kinder nur auf „Schmierpapier“ gemalt. Aber ernsthaft: Jeder hat heute ein Handy, wer braucht noch Speisekarten, ausgedruckte Gästemappen und eine Papierrechnung?
Desiréé: Bei uns ist auch viel Plastik verschwunden. Take-away funktioniert mit dem Mehrwertsystem Recup & Rebowl, das Frühstück ist zero-waste. Da fällt nur mehr in der Küche Verpackungsmüll von den Grossgebinden an. Und die Schlüsselkarte gibt es nur mehr, wenn man es gar nicht ohne schafft.

Zurück zum metallenen Zimmerschlüssel, der ein halbes Kilo wiegt?

Isabelle: Im Gegenteil! Dein Handy sperrt nach dem Online-check-in alle Türen im Hotel auf. Du kannst deinem Digital-Detox-Freund also auch die Zimmertüre öffnen, während du noch an der Bar sitzt.

Was steht noch auf dem Plan?

Isabelle: Noch mehr Energie selbst produzieren, noch mehr Ressourcen sparen.
Desiréé: Klimaschutz ist ein Thema, das man nicht mehr wegwischen kann. Im Gegenteil, man muss es angehen und jeder für sich soll Wege suchen, was er als Mensch oder eben als Unternehmer beitragen kann.

Was ist eure persönlichen Definition von Nachhaltigkeit? Wie lebt ihr Nachhaltigkeit?

Isabelle: Für mich bedeutet Nachhaltigkeit nicht nur die Schonung von Ressourcen und die Reduzierung meines CO2-Fußabdrucks. Es geht auch darum, insgesamt weniger zu konsumieren und auf soziale Nachhaltigkeit zu achten. Dies bedeutet bewusste Entscheidungen zu treffe, zu spenden und sich für andere einzusetzen.
Desiréé: Nachhaltig zu leben heißt für mich, nach einer Kreislaufwirtschaft zu streben, in der alle Ressourcen wiederverwendet werden und unser komplettes Handeln Rücksicht auf Menschen, Tiere und Umwelt nimmt.

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