Gehen ist die älteste Fortbewegungsart des Menschen. Und vielleicht ist die Entdeckung der Langsamkeit die modernste Antwort auf eine immer schneller werdende Welt. Fernab von knatternden Pistenraupen und Apres-Ski-Hollodarö entdecken wir die Kraft des Draußen-unterwegs-Seins und erkennen: Wandern geht auch im Winter.
Schnee wird zum Luxus, Wintersportorte geraten zusehends unter Druck. Gleichzeitig wächst das Bedürfnis nach Bewegung und echten Erlebnissen. Gehen entschleunigt, stärkt Körper und Geist und bringt uns zurück in die Natur. Während der Klimawandel das klassische Wintersportmodell vor Herausforderungen stellt, entdecken österreichische Regionen das Wandern als ganzjährige, nachhaltige Alternative.
Mystische Pfade am Erlebensweg der Sinne
Die begehbare Weinflasche am Wein-Erlebnis-Weg Bad Loipersdorf
Zwei Bretteln, ein g’führiger Schnee – aber was passiert mit dem juchee, wenn die Flocken immer seltener fallen? „Warum sollte Wandern nur im Sommer eine Option sein?“, fragt Romana Gutmann, Gastgeberin im Thermen- und Vulkanland im Südosten Österreichs. „Gerade im Winter haben viele Landschaften ihren ganz besonderen Reiz.“ Wir haben Anfang Februar unsere Wanderschuhe geschnürt und uns auf einen von drei zertifizierten Winterwanderwegen der Region gemacht.
Durch Weinhänge, Obstgärten und Mischwälder führt uns der "Erlebensweg der Sinne" zur Aussichtswarte. Nebel hängen noch über den Hügeln, ein Sprung Rehe sprengt empört über unseren Weg, auf den Wiesen glitzert der Raureif in der Sonne. „Zu dieser Jahreszeit sind selbst die beliebtesten Wanderwege nicht überlaufen.“
Während sich viele fragen, wie es mit dem Wintertourismus weitergeht, liegt die Antwort direkt vor unseren Füßen: Gehen. Wandern braucht keine künstlichen Eingriffe in die Landschaft, keine teuren Beschneiungsanlagen, keine Lifte. Wer zu Fuß unterwegs ist, erlebt Natur intensiver, spürt den eigenen Körper und entdeckt mit klammer Nasenspitze, dass gerade in der kalten Jahreszeit eine stille, oft übersehene Schönheit liegt.
„Viele Gäste kommen völlig überladen an“, sagt Romana, die im kleinen Ort Unterlamm die Pension Villa Thermale führt und sich für ihre Gäste die unterschiedlichsten Formate zum Runterkommen überlegt. „Beim Gehen passiert etwas Erstaunliches: Nach einer halben Stunde wird es stiller im Kopf. Man muss nichts beweisen. Man geht – und das reicht.“
Studien zeigen: Schon 30 Minuten tägliches Gehen verbessern die Stimmung, steigern die Konzentration und senken Stress. Gerade in Zeiten permanenter Erreichbarkeit wirkt Wandern Wunder. Das Unterwegssein schafft Abstand zum Alltag. Romana bringt es auf den Punkt: „Was heute Achtsamkeitsübung oder Waldbaden heißt, ist im Grunde uralt: Mit wachen Sinnen Zeit in der Natur verbringen.“
Wanderung zum Aussichtsturm in Unterlamm
Romana Gutmann, Gastgeberin der Villa Thermale
Viele Destinationen setzen bereits zukunftsorientiert auf schneesensible, wetterunabhängige Angebote wie das Winterwandern. „Wir sind in Österreich auf der ganzen Welt bekannt für unsere traumhaften Wanderregionen. Wir müssen nur dafür sorgen, dass sie auch im Winter begehbar sind“, erklärt Thomas Gussmagg. Er leitet im Thermen- und Vulkanland das Lebensraum-Management sowie Produktentwicklung und war für die Zertifizierung eigener Wanderdorf-Gemeinden verantwortlich.
Die Region setzt bewusst auf Wandern als ganzjährige Bewegungsoption. Themenpfade und Rundwege – etwa rund um Riegersburg – lassen sich flexibel an Tagesverfassung und Wetter anpassen. Eine Stunde um die Burg, eine Schleife durch den Wald, ein Weg entlang des Bachs. Thomas Gussmagg versteht Wandern als wichtige Ergänzung zu den bestehenden Publikumsmagneten der Region, in seinem Fall: den Thermen. „Wer bewusst reist und länger bleibt, sucht die Abwechslung.“
Dasselbe gilt für den klassischen Wintersport. Die Zeiten, als der Vater fünf vor neun die quengelnde Kinderschar mit Jausenbroten im Rucksack und der Wochenkarte am Skizip zur Liftkassa trieb, sind lange vorbei: Heute Ski, morgen Wandern, übermorgen Therme, Langlauf, Spa, Shoppen, Kutschenfahrt, Käseverkostung. Selbst im klassischen Skiurlaub will nicht mehr die ganze Familie jeden Tag auf den Brettln stehen.
Zusätzlich verändert der Klimawandel alpine Winter in Österreich spürbar: In vielen Regionen liegen heute im Schnitt bis zu sechs Wochen weniger Schnee als noch vor 60 Jahren. Besonders niedriger gelegene Gebiete unter 1.500 Meter kommen in Bedrängnis. Die Konsequenz: 20 Skigebiete österreichweit haben ihren Betrieb in den letzten 20 Jahren eingestellt.
Wandern ist im Winter auch in erfolgreichen Skigebieten immer mehr Thema. „Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen“, war schon Goethe überzeugt vom langsamen Reisen. Wandern verbindet Naturerlebnis mit Entschleunigung – und eröffnet Regionen neue, nachhaltige Perspektiven. Ein paar mildere Tage – und schon liegt dir der Weg offen. Winterwandern heißt nicht, auf Winterspass zu verzichten, sondern Freude am Winter neu entdecken. Es ist eine Einladung, den Klimawandel nicht nur als Herausforderung zu sehen, sondern als Chance für neue Möglichkeiten.
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Was also, wenn die Zukunft des Winterurlaubs nicht schneller, höher, weiter ist – sondern langsamer? Wenn nicht der nächste Gondel-Link das Skigebiet um weitere Pistenkilometer vergrößern muss, sondern Schritt für Schritt irgendwann Schwung für Schwung ergänzt? Vielleicht ist genau das die Magie: Gehen bringt uns nicht schneller ans Ziel – sondern näher zu uns selbst.