Kälte ist kein Gegner, sondern Trainingslager – und für viele längst Lifestyle. Ob Kryo-Kammer, Wechseldusche oder Sprung ins Eiswasser: Der neue Kult ums Frieren fordert Körper, Geist und Ego. Wie glücklich das Eisbaden in der Natur macht, zeigt ein Selbstversuch mit Eisschwimmer Josef Köberl.
„Wir haben das Zittern verlernt!“ Josef Köberl schwört auf Kälte. „Die meisten Menschen wissen gar nicht, wann sie das letzte Mal gezittert haben.“ Josef ist Rekordhalter im Eisschwimmen und Präsident der Ice Swimming Association Austria. In seinem Schlafzimmer steht eine Gefriertruhe mit Wasser. „Die ist Teil meiner Morgen- und Abendroutine.“ 2014 schwamm er als erster Österreicher die „Eismeile“, eine Distanz von 1.609 Metern in Wasser unter fünf Grad Celsius. Ein Jahr später durchquerte er den Ärmelkanal. Im Natureispalast des Hintertuxer Gletscher schwamm er 38 Minuten, 32 Sekunden und 1.511,5 Meter in einer Gletscherspalte – ein Rekord im Süßwasser.
Die Wassertemperatur an diesem Tag im Juli lag bei minus 0,23 Grad, seine Kernkörpertemperatur danach nur mehr 27 Grad. Eine Grenzerfahrung. „Wir unterschätzen, was unser Körper zu leisten imstande ist.“ Wo Josef in seiner blauen Badehose zitterte, bestaunen üblicherweise Tourist*innen in dicken Daunenjacken Eisformationen. In der Eishöhle kann neben Bootsfahrten und SUP auch eine Runde Eisbaden gebucht werden – ärztliches Attest vorausgesetzt. Klar ist: Die Eishöhle ist nichts für mein erstes Mal.
Zentrierung und Bewusstseinserweiterung: Was Josef Köberl im ewigen Eis trainiert, gibt er bei Retreats fürs Eisbaden weiter.
Kaltes Wasser: Vom Widerwillen zum Wollen
„Es wird weh tun“, bereitet mich Josef auf eine eisige Erfahrung vor: An einem trüben Februartag bei fünf Grad Außen- und vier Grad Wassertemperatur will ich das erste Mal der Kälte trotzen. „Ideale Bedingungen“, schwärmt Josef, schon im Bademantel. Der See liegt ruhig vor den noch schneebedeckten Hängen der Berge, die meine Badestelle einrahmen. Eine Ente schwimmt neugierig heran, verwundert über die winterlichen Gäste am Strand. Ich hasse kaltes Wasser, meine Finger und Zehen sind ohnehin ab Mitte Oktober dauerkalt.
Wechselduschen? Ein Graus. Ich bin Team Thermalbecken. Josef nimmt sich Zeit, erklärt und motiviert. Je länger er von seiner Leidenschaft spricht, desto eher kommt es mir möglich vor, dass auch ich es schaffen kann. Mit seiner Begeisterung wird mein Widerwille zum Wollen. Sogar israelische Kampfschwimmereinheiten schwimmen regelmäßig mit ihm. Die Schauspielerin Vicky Krieps trainierte er für die Rolle der kaltbadenden Kaiserin Sisi im Film „Corsage“.
Eisbaden: Tipps für Anfänger
- Barfuß im Schnee: Wie ein doppelter Espresso für die Füße. Nach 30 Sekunden prickelt’s, nach einer Minute lächelt das Nervensystem. Die Durchblutung schnellt hoch, der Kopf wird klar. Danach: abtrocknen, warme Socken, tief durchatmen. Wer das regelmäßig wagt, bekommt einen klaren Kopf – und kalte Angst vergeht.
- Kryo-Kammer: Drei Minuten, –110 Grad, volle Musik. In der Kryo-Kammer ist die Luft so trocken, dass sie sich nicht beißend, sondern fast samtig anfühlt. Die ersten Sekunden brennt’s, dann kommt ein euphorisches Kribbeln. Wie ein Kurztrip in die Eiszeit – und als Souvenir produziert der Körper Adrenalin, Endorphine und Energie.
- Wechselduschen: Zuerst warm, dann kalt: von den Füßen aufwärts, dann Hände, Arme, Schultern. Der Schock weicht Sekunden später einem Gefühl von Klarheit. Der Kreislauf jubelt, die Laune auch. Abtrocknen – und der Tag kann losgehen.
Mit Kälte Immunsystem stärken
Unter seiner Anleitung trafen sich während der Lockdowns bis zu 280 Menschen monatlich zum Vollmondschwimmen in der Alten Donau. „Da habe ich gespürt, wie viel es mir gibt, anderen den Zugang zu dieser Erfahrung zu ermöglichen.“ In Kursen führt der Kaltwasser-Profi seine Teilnehmer*innen ans eisige Wasser heran. Mehrmals wöchentlich kann man mit ihm am Badeschiff im Wiener Donaukanal Körper und Geist trainieren, oder außerhalb der Stadt in mehrtägigen Workshops tiefer in die Materie eintauchen.
„Professionell begleitet und richtig dosiert, ist die Magie des Eiswassers ein Geschenk, das ich mit Freude weitergebe!“ Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht jemand in meinen Social-Media-Feeds ins Wasser geht. Im See, im privaten Schwimmteich oder in der Plastiktonne am Balkon.
Eisschwimmen und Eisbaden im Trend
Eisbaden (statisch im Wasser stehen) oder Eisschwimmen (sich im Wasser bewegen) sind Trend, aber neu ist es nicht. Der Polar Bear Club schwimmt seit 1903 im Atlantik vor Coney Island. In Wien trafen sich in der Zwischenkriegszeit die Mitglieder des Vereins „Verkühle dich täglich“ zum ganzjährigen Schwumm in der Donau. Februar 1929 hackten sie ein Loch in die fünfzig Zentimeter dicke Eisdecke nahe der Reichsbrücke, um nach einer langen Kälteperiode von bis zu minus 25,8 Grad im historischen „Eisstoß“ zu schwimmen. Bis heute erzählt ein Kinderbuch mit demselben Titel von einer Gruppe aufmüpfiger Kinder, die einen Verein gründen, um gegen den Drang ihrer Eltern zu rebellieren, sie ständig warm anzuziehen.
Eisbaden: Wirkung auf den Körper
„Mit allen Mitteln wollen wir unsere Körper vor Temperaturschwankungen bewahren.“ Josef Köberl befasst sich schon seit vielen Jahren mit der Wirkung von Kälte auf Gehirn und Körper. „Aber gesund ist das nicht.“ Wer sich regelmäßig dem Frösteln aussetzt, hat physische und mentale Vorteile. „Der Körper soll sich langsam und ohne Schock an Kälte gewöhnen. So trainieren wir unseren Hypothalamus und das parasympathische System.“ Schwimmen im kalten Wasser kurbelt Durchblutung und Kreislauf an, stärkt das Immunsystem und fördert die Bildung von braunem Fett.
Es trägt im Körper dazu bei, überschüssige Kalorien zu verbrennen und die Körpertemperatur zu regulieren. Verantwortlich dafür sind eine Vielzahl von freigesetzten Wirkstoffen, darunter Hormone wie Adrenalin und Noradrenalin. Wiederholte Kältereize fördern die Bildung von Antioxidantien. Sie verhindern oxidativen Stress, der für die Zellalterung verantwortlich ist. Schon Pfarrer und Naturheilkundler Sebastian Kneipp wusste, dass Kältebehandlungen Entzündungsprozesse reduzieren und Blutgefäße und Herz stärken.
Was Kälte im Körper bewirkt
Eisbaden ist beides: Zentrierung und Bewusstseinserweiterung. „Es geht darum, den Körper sowie die eigenen Empfindungen wahrzunehmen und gleichzeitig Herausforderndes zu meistern, von dem man nicht dachte, dass es möglich ist“, beschreibt Josef seine eigenen Erfahrungen. Für einige seiner Mitschwimmenden führte der Gang ins kalte Wasser noch weiter. „Eisschwimmen kann zum echten Mind-Changer werden.“ Endlich den stressigen Job kündigen, den nervigen Mann verlassen, oder einfach den Alltag neu sehen?
„Wenn man es ins Eiswasser geschafft hat, hat man das Gefühl, alles zu schaffen.“ Wissenschaftlich nachgewiesen soll Eisbaden helfen, Stress und Ängste abzubauen und den Schlaf zu verbessern. Für den „Kick“, dieses berauschende Hochgefühl nach dem Frieren, sorgt freigesetztes Dopamin. Es ist der Süchtigmacher, der viele immer wieder ins kalte Wasser treibt.
Selbstversuch: Das erste Mal im Eiswasser
Vieles spricht dafür. Dennoch an diesem Februartag auch einiges dagegen, mich auszuziehen. Ich tue es dann doch. Als meine Zehen ins klare Seewasser tauchen und mir der Kälteschmerz den Atem raubt, sind mir Hypothalamus und braunes Fett egal. Ich will nur weglaufen. Doch ich halte durch. Fast unbemerkt gehen wir langsam tiefer ins Wasser, atmen sehr fokussiert. Meine Welt wird plötzlich klein und einfach: Bloß noch ich, Josef und der kalte See. Wir schwimmen. Die Bewegung im Wasser wirkt beruhigend auf meinen alarmierten Körper.
Ein Zug nach dem anderen, dann Lachen, Glück, Stolz, Finger und Füße werden taub. Nach ein paar Minuten ist alles vorbei. Rote Haut und strahlende Gesichter – genau so kenne ich Eisbadende. Jetzt bin ich eine von ihnen. Dann macht mein Körper, was er soll und Josef prophezeit hat: „Er scheppert wie ein Kluppensackerl“ (für Nicht-Wiener: ein Sack voller Wäscheklammern). Das Zittern wärmt mich wieder auf. Klappernde Zähne, sprudelnde Glückshormone. „Das – will – ich – un – be – dingt – wie – der – machen!“