Im Urlaub musst du nicht jede Stunde füllen. Nicht mit Ausflügen, nicht mit Fotos, nicht mit To-dos. Der Neurowissenschaftler Joseph Jebelli zeigt in seinem Buch „The Brain at Rest“, warum dein Gehirn gerade dann viel leistet, wenn du nichts Besonderes machst.
Warum Nichtstun im Urlaub kein Fehler ist
Du liegst am Pool, schaust aufs Wasser und machst einmal nichts. Kein Buch in der Hand. Kein Handy. Kein Plan für die nächste Stunde. Ist schwerer als es klingt. Zu oft wird uns erklärt, dass Urlaub nur dann gelungen ist, wenn du genug gesehen, fotografiert und abgehakt hast. Dabei heißt der neue Trend: Dopamin-Detox.
Feuilleton-Chef Karl Gaulhofer schreibt in der „Presse“ über dieses schlechte Gewissen, das viele Menschen sogar im Urlaub begleitet. Er erinnert daran, dass Langeweile kaum noch Platz hat, weil wir freie Zeit fast automatisch füllen: mit Aktivität, Nachrichten, Serien, Likes, Ausflügen oder dem nächsten Programmpunkt. Sein nüchterner Befund: „Langeweile ist verfemt.“
Grundlage für seinen Befund bildet das Buch von Joseph Jebelli. Der britische Neurowissenschaftler beschäftigt sich in „The Brain at Rest“ mit der Frage, was im Gehirn passiert, wenn wir nicht konzentriert arbeiten, entscheiden, reagieren oder leisten. Die deutsche Ausgabe ist bei Piper erschienen und trägt den Untertitel „Wie wir durch Nichtstun unser Leben verbessern können“.
Dopamin-Detox: Was dein Gehirn macht, wenn du nichts machst
Wenn deine Gedanken abschweifen, wird im Gehirn das sogenannte Ruhezustandsnetzwerk aktiv. Auf Englisch heißt es Default Mode Network. Es ist kein Abschaltknopf, sondern ein Netzwerk, das mit inneren Prozessen zu tun hat: Erinnerungen, Tagträumen, Zukunftsbildern, Selbstreflexion und spontanen Gedanken.
Die Forschung beschreibt dieses Netzwerk als wichtig für nach innen gerichtetes Denken. Eine 2024 im Fachjournal „Brain“ veröffentlichte Studie untersuchte das Default Mode Network bei Gedankenwandern und divergentem Denken, also bei einer Form von kreativem Denken. Die Ergebnisse zeigen, dass dieses Netzwerk flexibel auf unterschiedliche Denkprozesse reagiert und eine Rolle bei der Bildung origineller Verbindungen spielt.
Heißt für deinen Urlaub: Wenn du aufs Meer schaust, durch einen Wald gehst oder einfach am Balkon sitzt, passiert in deinem Kopf mehr, als du denkst. Du musst nicht ständig Input liefern. Manchmal braucht dein Gehirn genau das Gegenteil.
Warum gute Ideen oft nicht am Schreibtisch entstehen
Kennst du das auch? Die Lösung kommt nicht dann, wenn man sie erzwingt. Sie kommt unter der Dusche, beim Gehen, in der Nacht, beim In-die-Luft-schauen. Auch Gaulhofer greift diesen Punkt auf und schreibt von „schauen und sinnieren“ – auf der Caféterrasse, im Wald oder am Wasser.
Dazu passt eine Studie aus „Molecular Psychiatry“. Forschende fanden Hinweise auf einen kausalen Zusammenhang zwischen dem Default Network und kreativem Denken. Wurde ein Knotenpunkt dieses Netzwerks stimuliert, veränderte sich die Fähigkeit der Versuchspersonen, unterschiedliche Verwendungsmöglichkeiten für Alltagsgegenstände zu finden – eine klassische Aufgabe für divergentes Denken.
Das macht Nichtstun nicht automatisch produktiv. Aber es erklärt, warum Pausen, Spaziergänge und zielloses Schauen deinem Kopf guttun können.
Was im Urlaub keine echte Pause ist
Nicht jede Pause ist Erholung. Eine Serie schauen, nebenbei Nachrichten lesen, durch Social Media scrollen oder Urlaubsfotos kontrollieren fühlt sich vielleicht nach Freizeit an. Für dein Gehirn ist es trotzdem Input.
Gaulhofer formuliert es in „Die Presse“ knapp: „statt Binge Watching lieber Bird Watching.“ Ein Spaziergang ohne Ziel. Eine Stunde am Wasser. Ein Frühstück, das nicht sofort fotografiert wird. Ein Nachmittag, an dem du nicht schon an den Abend denkst.
Wie du mehr Muße in deinen Urlaub bringst
Lass zwischen Frühstück und Ausflug eine Stunde frei. Geh ohne Kopfhörer spazieren. Nimm dir am Pool nicht sofort dein Kindle. Bleib nach dem Essen noch sitzen. Schau aus dem Fenster, auch wenn draußen nichts Spektakuläres passiert. Besonders gut funktioniert das an Orten, die nicht dauernd nach deiner Aufmerksamkeit rufen. In Hotels mit ruhigen Ecken, Gärten, Wasser, guten Rückzugsplätzen und genug Raum, um nicht ständig unterwegs sein zu müssen.
Echte Urlaubserinnerungen entstehen oft dort, wo du nichts machst. Wenn der Tag langsamer wird. Wenn du die Gedanken weiterziehen lassen kannst. Wenn du bei dir selbst ankommst. Joseph Jebellis Buch liefert die neurowissenschaftliche Erklärung dafür, warum unser Gehirn Pausen braucht. Karl Gaulhofer erinnert in der „Presse“ daran, dass Muße nicht bloß ein Luxus ist, sondern eine alte Kulturtechnik.
Also nimm dir nicht zu viel vor im Urlaub!