Wie bauen wir heute Häuser, die auch morgen noch Sinn machen? Für Birgit Maier von Holzbau Maier beginnt die Antwort beim Material – und beim Mut, neue Wege zu gehen. Ein Gespräch über nachhaltiges Bauen, Kreislaufdenken und Projekte, die manchmal wie Feldforschung sind.
Birgit Maier ist es gewohnt, ihren eigenen Weg zu gehen. Schon während ihrer Ausbildung an der HTL für Hochbau war sie eins von nur vier Mädchen unter mehreren hundert Schülern. Auch im Architekturstudium war sie eine von wenigen Frauen. Heute führt sie gemeinsam mit ihrer Schwester Gundi Maier den Familienbetrieb Holzbau Maier in Bramberg – in einer Branche, die lange als Männerdomäne galt. Die Salzburgerin hat früh gelernt, sich durchzusetzen – und bewegt sich längst ganz selbstverständlich auf Baustellen, in Planungsrunden und zwischen Holzbalken. Wir sprechen mit ihr über Verantwortung, nachhaltige Ansätze und „Geht nicht, gibt’s nicht“.
Du führst mit deiner Schwester den Familienbetrieb Holzbau Maier. Gab es ein Ereignis, das euren Kurs nachhaltig verändert hat?
Birgit Maier: Ja, definitiv. Unser Vater ist im Juni 2010 verunglückt – und plötzlich standen meine Schwester und ich vor der Aufgabe, den Betrieb weiterzuführen. Es war wie ein Sprung ins kalte Wasser. Normalerweise hat man sechs Monate Zeit, um eine gewerberechtliche Geschäftsführung zu melden; bei uns wurde auf diese Frist gepocht. Übergangsweise hat unser Cousin geholfen und diese Rolle übernommen. Gleichzeitig habe ich mich kurz vor Weihnachten zur Zimmereimeisterprüfung im Mai angemeldet und habe bestanden. Normalerweise dauert schon der Vorbereitungskurs ein Jahr.
Wie ging’s dann weiter?
Diese Zeit hat unseren Kurs stark geprägt. Danach haben wir die Struktur der Firma neu aufgestellt. Uns war wichtig, Verantwortung stärker zu verteilen und die Mitarbeitenden mehr einzubinden. Wir haben klare Abteilungen geschaffen und jeweils eine Abteilungsleitung eingesetzt. Uns war schnell klar: Wir können und wollen nicht alles selbst kontrollieren. Und genau das hat sich bewährt – je mehr Verantwortung die Mitarbeitenden bekommen haben, desto besser hat vieles funktioniert.
Ihr kommt insgesamt auf über 600 Dienstjahre im Team. Was zeichnet Holzbau Maier als Arbeitgeber aus?
Wir sind ein Familienbetrieb. Bei uns kennt jeder jeden, und wenn es ein Problem gibt – beruflich oder privat – können die Mitarbeitenden jederzeit zu meiner Schwester oder zu mir kommen. Außerdem investieren wir stark in moderne Technik. Wir haben unsere Tischlerei komplett neu gebaut und mit den neuesten Maschinen ausgestattet. Seitdem interessieren sich auch wieder mehr Lehrlinge für diesen Bereich.
Was haben ein Tiroler Dorf in Südkorea, eine österreichische Berghütte in Kanada und das nachgebaute Goldene Dachl von Innsbruck gemeinsam? Alle drei Projekte wurden von Holzbau Maier realisiert. Das ist eindrucksvoll, doch das wahre Potenzial von Holz zeigt sich in seinen unsichtbaren Kräften und einem ganz besonderen Baumhaus namens „Bert“.
Was inspiriert euch, aus dem traditionellen Werkstoff Holz immer wieder Neues zu entwickeln?
Holz ist zwar ein traditioneller Werkstoff, aber eigentlich ist jedes Projekt ein Stück Neuland. Bei fast jedem Bau entwickeln wir neue Details, Konstruktionen oder Lösungen – dadurch entsteht Innovation ganz automatisch.
Sehr inspirierend ist auch unser junges Team in der Arbeitsvorbereitung, Werkplanung und Bauleitung. Gerade bei besonders komplexen oder ungewöhnlichen Projekten haben sie richtig Spaß daran, zu tüfteln und neue Wege zu finden. Je schwieriger die Aufgabe, desto größer der Ehrgeiz.
Ihr beschreibt neue Projekte als eine Art Feldforschung. Wie oft stoßt ihr dabei auf Herausforderungen?
Herausforderungen gibt es bei uns eigentlich ständig – oft schon allein durch die Form oder die Lage eines Projekts. Ein Beispiel war im letzten Jahr ein Bau am Kitzsteinhorn: eine Gastronomie mit einem sehr speziellen Eingangsbereich – alles gebogen und konisch. Auch die Produktion war aufwendig, weil viele Teile individuell gefertigt werden mussten.
Davor hatten wir zwei technisch sehr anspruchsvolle Projekte in Albanien. Dort war fast nichts gerade – vieles war rund oder gebogen und erforderte Konstruktionen mit großen Spannweiten. Manchmal liegt die Herausforderung auch in der Logistik. Bei der Baustelle am Kitzsteinhorn etwa mussten unsere Lkw über eine extrem anspruchsvolle Straße fahren – und das teilweise sogar bei Schnee auf über 3.000 Metern Höhe.
Ob Neubau oder Komplettsanierung – ihr bietet bei Holzbau Maier vieles in-house. Gab’s schon Projekte, wo ihr sagen musstet: Das klappt nicht?
Geht nicht, gibt’s nicht – das hat schon unser Vater immer gesagt. Und das ist bis heute unser Motto. Wir sind sehr breit aufgestellt, von der Zimmerei und Tischlerei bis zur hauseigenen Schlosserei, und dadurch können wir viele Lösungen selbst entwickeln.
Manchmal geht das sogar über den klassischen Holzbau hinaus. Einmal hat ein Bauherr eine Visualisierung gesehen, in der ein großes, dreidimensionales Kunstwerk aus Metall an der Wand hing – gebogen, rostig, hinterleuchtet. Am Ende haben wir dieses Kunstwerk tatsächlich gebaut. Solche Projekte zeigen ganz gut: Wir probieren vieles aus und finden meistens auch eine Lösung.
Wie werden wir künftig wirklich nachhaltig bauen und was ist dafür nötig?
Nachhaltig zu bauen bedeutet für mich vor allem, viel bewusster mit Ressourcen umzugehen. Man muss schon beim Planen überlegen: Welche Materialien setze ich ein – und wo kommen sie her? Holz spielt dabei eine große Rolle, weil es ein nachwachsender Rohstoff ist. In Österreich wächst sogar mehr Holz nach, als wir nutzen. Wenn wir es sinnvoll einsetzen, können wir damit auch CO₂ langfristig binden.
Genauso wichtig ist die regionale Wertschöpfung. Materialien sollten möglichst aus der jeweiligen Region kommen – dort, wo Holz vorhanden ist, nutzt man Holz, in anderen Regionen vielleicht eher Stein. Dieses regionale Denken wird in Zukunft noch wichtiger.
Und schließlich geht es um Kreislaufwirtschaft. Wir sollten schon beim Bauen daran denken, was später mit einem Gebäude passiert: Kann man die Materialien wiederverwenden oder recyceln? Viele heute eingesetzte Stoffe, etwa bestimmte Dämmmaterialien, werden am Ende zu problematischem Abfall. Ziel muss deshalb sein, Gebäude so zu planen, dass ihre Materialien wieder in den Kreislauf zurückgeführt werden können.
Welche Rolle spielt das Cradle-to-Cradle-Prinzip im Holzbau?
Konzepte wie Cradle to Cradle zeigen sehr gut, wohin sich nachhaltiges Bauen entwickeln muss – hin zu echten Materialkreisläufen. Holz ist dafür ein idealer Baustoff, weil es sich sehr gut wiederverwenden und weiterverarbeiten lässt. Solange Holz genutzt wird, bleibt auch das darin gespeicherte CO₂ gebunden.
Wir arbeiten zum Beispiel auch viel mit Altholz aus alten Bauernhäusern oder Gebäuden, die teilweise über 300 Jahre alt sind. Dieses Material bekommt dann in neuen Projekten ein zweites Leben. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Vorfertigung. Je mehr Bauteile wir unter kontrollierten Bedingungen in der Halle produzieren können, desto präziser und ressourcenschonender wird der Bau. Man hat weniger Verschnitt, kann Materialien effizienter einsetzen und die Montage auf der Baustelle geht deutlich schneller. Ich glaube, diese Kombination aus Kreislaufdenken, regionalen Materialien und moderner Vorfertigung wird künftig eine zentrale Rolle im nachhaltigen Bauen spielen.
Nachverdichtung gilt als Schlüssel für nachhaltige Stadtentwicklung. Was bedeutet das konkret – und welche Chancen bietet der Holzbau?
Nachverdichtung bedeutet im Grunde, bestehenden Raum besser zu nutzen – zum Beispiel, indem man Gebäude aufstockt oder Dachgeschosse ausbaut, statt neue Flächen zu versiegeln. Gerade dafür eignet sich Holzbau sehr gut, weil Holz im Vergleich zu anderen Baustoffen relativ leicht ist. Ein zusätzliches Geschoss ist außerdem ein großer Vorteil für die Statik des Gebäudes. Nachverdichtung spielt nicht nur in Städten eine Rolle. Auch im ländlichen Raum wird sie immer wichtiger, etwa wenn Familien bestehende Häuser erweitern oder aufstocken, statt neu zu bauen – auch weil Grund und Boden immer knapper und teurer werden.
Du bist studierte Architektin. Bleibt im Alltag als Geschäftsführerin noch Raum für Kreativität?
Bei manchen Projekten übernehme ich die Entwurfsplanung. Diese erste, kreative Phase ist für mich nach wie vor sehr spannend und macht mir viel Spaß. Ideen zu entwickeln und zu sehen, wie daraus etwas Reales entsteht – das begeistert mich bis heute. Zudem kümmere ich mich bei uns auch um das Marketing, da kann ich ebenfalls kreativ arbeiten.
Gibt es ein Holz, mit dem du besonders gern arbeitest? Warum?
Die Vielfalt macht das Arbeiten mit Holz so spannend. In der Zimmerei arbeiten wir vor allem mit Fichte, einfach weil sie in unserer Region am meisten vorkommt. Für Fassaden oder Terrassen setzen wir oft Lärche ein, weil sie sehr widerstandsfähig ist. Eiche, aber auch Hölzer wie Buche, Ahorn oder Nuss werden häufig in der Tischlerei verwendet. Und ein großes Thema ist bei uns auch Altholz. Das hat eine besondere Ausstrahlung – manchmal sogar bewusst gealtert oder mit der Flamme behandelt.
Beschreibe die Zukunft des Holzbaus in drei Worten …
Nachhaltig, ressourcenschonend, Naturmaterialien.