Jahrhundertealtes Handwerk trifft bei Steiner1888 auf neue Impulse. Mit einer Schlafdecke aus reiner Schurwolle holt Sigrid Steiner ein fast vergessenes Produkt zurück in die Gegenwart – und zeigt, wie viel Innovation in einem natürlichen Rohstoff aus der Region rund um Schladming steckt. Warum das Naheliegende oft das Schwierigste ist, erklärt sie im Interview.
Mandling am Fuße des Dachsteins. Landschaft und Klima haben es den Menschen hier nie leicht gemacht. 1888 wurde die Lodenwalke der Lodenmanufaktur Steiner gegründet, um erste „Funktionskleidung“ herzustellen: aus strapazierfähigem Loden.
Als Familienmitglied ist Sigrid Steiner heute, fünf Generationen später, für die Wollwelt und das Marketing zuständig. Während sie sich zu Beginn erst an so manches Wollprodukt gewöhnen musste, bringt sie heute selbst Ideen mit ein – so auch die neue Schlafdecke von Steiner1888. Wir sprechen mit ihr über Bergschafwolle, regionale Kreisläufe und darüber, dass das Neue oft genau dort liegt, wo wir aufgehört haben, hinzusehen.
Loden Steiner blickt auf mehr als 130 Jahre Erfahrung zurück. Besonders stolz seid ihr auf eure neue Schlafdecke aus reiner Schurwolle. Was macht sie so innovativ?
Dieses Produkt gibt es so nicht am Markt. Aber eigentlich ist es etwas sehr Altes, das wir neu belebt haben. Unsere Vorfahren haben schon damit geschlafen, nur ist dieses Wissen in Vergessenheit geraten. Das Besondere ist, dass die Decke zu hundert Prozent aus Wolle besteht. Die Hälfte stammt vom heimischen Bergschaf. Sonst hat man bei jeder Steppdecke eine Füllung oder eine Baumwollhülle drüber. Obwohl Bergschafwolle seit Generationen genutzt wird, wird sie heute kaum noch verarbeitet. Wir geben diesem regionalen Rohstoff wieder Wert. Wir zeigen, dass daraus hochwertige, funktionale Produkte entstehen können – und dass echte Regionalität vom Rohstoff bis zum fertigen Produkt möglich ist.
Und Schurwolle heißt in dem Kontext, dass es reine Wolle vom lebenden Schaf ist?
Ja genau, das ist wichtig. Schurwolle bedeutet, dass das lebende Schaf geschoren wird. Manche finden das fürchterlich, aber das muss gemacht werden. Es wäre fürchterlich, wenn man die Schafe nicht scheren würde. Es ist wichtig, rund um das Produkt viel zu erklären. Wenn nur Wolle draufsteht, könnte es auch recycelte Wolle oder Wolle vom Schlachttier sein. Das ist grundsätzlich nichts Schlechtes, aber die Qualität der Wolle ist schlechter. Mit der Schurwolle verwenden wir die beste Wolle – und einen nachwachsenden Rohstoff mit hoher Funktionalität.
Warum besteht die Schlafdecke von Steiner1888 nicht gleich aus 100 Prozent Bergschafwolle? Ist zu wenig davon vorhanden oder ist es zu teuer?
Es ist genug vorhanden – unser Lager ist aktuell komplett voll mit zehn Tonnen heimischer Schafwolle – es hängt eher von der Eigenschaft der Wolle ab. Die Bergschafwolle ist eine recht grobe Wolle. Wenn man 100 Prozent davon verwendet – und das diskutieren wir regelmäßig bei uns in der Firma – dann wäre das ein sehr grobes Produkt, das vermutlich nicht so gut ankommen würde.
Wie ist es, so etwas Neuartiges zu entwickeln?
Es war ein spannender Prozess – vor allem, weil wir die Idee zuerst bei uns und im eigenen Unternehmen verankern mussten. Oft ist das Naheliegende das Schwierigste. Mein Mann und ich schlafen seit Jahrzehnten mit Wolldecken und lieben sie. Ich persönlich habe das erst kennengelernt, als ich in die Familie eingeheiratet habe, und musste mich daran gewöhnen. Dass ich inzwischen selbst der größte Fan bin, wird mir immer bewusst, wenn ich unterwegs bin – da fehlt mir dieser Komfort sofort. Ich fühle mich unwohl und schlafe nicht gut. Irgendwann habe ich zu meinem Mann gesagt: Warum machen wir daraus kein Produkt für andere?
Welche Herausforderungen gab es bei der Entwicklung?
Eine der größten Herausforderungen war tatsächlich die richtige Größe. Wir wollten eine Decke entwickeln, die perfekt in gängige Bettbezüge passt – das klingt banal, ist aber gar nicht so einfach, vor allem, weil es je nach Land unterschiedliche Maße gibt. Auch die Anwendung war ein Thema: Eine reine Wolldecke direkt auf der Haut ist nicht für alle angenehm. Im Betrieb gibt es ein paar, die das lieben. Ich persönlich nutze lieber einen Überzug. Unsere Schlafdecke ist auch für die Hotellerie geeignet. Gerade dort ist der Faktor Hygiene wichtig. Ein weiterer wichtiger Punkt war die Präsentation: Wie verpacken wir das Produkt so, dass es hochwertig wirkt und gleichzeitig hygienisch ist? Und natürlich muss man den Kund*innen auch erklären, was das Besondere daran ist. All diese Faktoren zusammenzubringen, war die eigentliche Herausforderung.
Eine Decke, die ganzjährig funktioniert, ohne dass man darunter friert oder schwitzt – klingt fast zu schön, um wahr zu sein …
Beim Schlafen sind wir es generell gewohnt, ein gewisses Gewicht oder Volumen zu spüren – das vermittelt Geborgenheit. Unsere Decke ist bewusst leichter. Mit der Zeit gewöhnst du dich daran. Du fühlst dich trotzdem geschützt und überhitzt nicht. Deshalb empfehlen wir, im Sommer damit zu starten. Viele nutzen die Decke dann das ganze Jahr über. Wenn es im Winter einmal sehr kalt ist, kannst du einfach eine zweite Decke ergänzen. Genau das macht sie so praktisch – man braucht im besten Fall nur eine Ganzjahresdecke statt mehrerer.
Wie reguliert eine Wolldecke Temperatur und Feuchtigkeit?
Das Geheimnis liegt in der Faser. Wolle ist eine Hohlfaser und kann bis zu 40 Prozent ihres Eigengewichts an Feuchtigkeit aufnehmen. Gleichzeitig speichern die eingeschlossenen Luftpolster Wärme – dadurch wirkt sie isolierend. Wenn du schwitzt, nimmt die Wolle die Feuchtigkeit auf und gibt sie nach außen ab. Sie fühlt sich nie feucht an und sorgt so für ein angenehm trockenes Schlafklima. So entsteht kein ständiger Wechsel zwischen zu warm und zu kalt – die Decke reguliert das Klima ganz von selbst. Dazu kommt, dass Wolle von Natur aus antibakteriell ist. Und selbst wenn einmal Geruch entsteht, reicht es oft, die Decke auszulüften.
Habt ihr die Schlafdecke auch in eurem eigenen Hotel ausprobiert? Was war das Feedback der Gäste?
Wir sind gerade in der Testphase. In unserem eigenen Hotel statten wir erste Suiten mit der Wolldecke aus. Das Feedback sammeln wir, weil das Produkt für den Hotelbetrieb neu ist. Was wir schon merken: Es braucht Erklärung, weil sich das Schlafgefühl von klassischen Decken unterscheidet. Die Decke ist leichter, weniger voluminös – das ist am Anfang ungewohnt. Wir sind aber zutiefst von der Funktionalität überzeugt. Gerade in gut temperierten Hotelzimmern sorgt sie für ein sehr angenehmes Schlafklima, ohne dass man überhitzt.
Der Markt für Bettwaren ist riesig. Mit welchen drei Argumenten überzeugst du Hoteliers von eurem Produkt?
Erstens: die Schlafqualität. Die Decke reguliert Temperatur und Feuchtigkeit ganz von selbst – der Gast schläft ruhiger, ohne zu überhitzen oder zu frieren. Und genau das ist ja das Wichtigste: Im Hotel möchte man mindestens so gut schlafen wie zu Hause. Zweitens: die Funktionalität im Alltag. Im Idealfall ersetzt sie Sommer- und Winterdecke, Hotels sparen sich also den saisonalen Wechsel. Und drittens: die Regionalität und Nachhaltigkeit. Unsere Decke wird aus heimischer Wolle gefertigt – vom Rohstoff bis zum fertigen Produkt. Für Betriebe, die bewusst regional und verantwortungsvoll arbeiten wollen, ist das ein starkes Argument.
Was unterscheidet heimische Bergschafwolle von anderer Wolle – ökologisch wie funktional?
Ökologisch ist die heimische Bergschafwolle besonders interessant, weil sie regional verfügbar ist. Funktional ist sie mit anderen Wollarten grundsätzlich vergleichbar – der Unterschied liegt eher im Gewicht und im Volumen. Bergschafwolle bringt von Natur aus mehr Masse mit, was dem gewünschten Gefühl von Wärme und Geborgenheit entgegenkommt. Entscheidend ist aber vor allem, wie wir die Wolle verarbeiten: Durch das Walken wird sie verdichtet, dadurch entsteht mehr Struktur, mehr Stabilität – und auch eine bessere Funktionalität.
Manche Menschen vertragen das „Kratzen“ von Wolle nicht. Was antwortest du ihnen?
Das ist ein berechtigter Punkt – und den haben wir natürlich intensiv diskutiert. Gerade Bergschafwolle wird oft als etwas gröber empfunden. Entscheidend ist aber: Die Decke wird mit einem Bettbezug verwendet. Dadurch hat man keinen direkten Hautkontakt und spürt das Material in der Regel nicht. Ich selbst bin auch empfindlich – mit Überzug funktioniert es aber sehr gut. Wer sehr sensibel ist, sollte es einfach ausprobieren.
Wie definiert ihr bei Steiner1888 Nachhaltigkeit?
Nachhaltigkeit ist für uns kein Schlagwort, sondern etwas, das wir seit Generationen leben – auch wenn wir es lange gar nicht so genannt haben. Für mich bedeutet das vor allem: regionale Rohstoffe zu verwenden, vor Ort zu produzieren und Wertschöpfung in der Region zu halten. Wir arbeiten mit heimischer Wolle, fertigen den Großteil unserer Produkte direkt bei uns in Mandling und setzen bewusst auf Qualität statt auf Massenproduktion im Ausland. Wir fördern möglichst regionale Kreisläufe ohne lange Transportwege. Leider können wir unsere Wolle aktuell nicht regional waschen lassen, dafür haben wir einen Partner in Belgien. Wir suchen eine Lösung, um diese Transportkilometer zu vermeiden und gleichzeitig dieselbe Qualität zu bieten. Was uns auch wichtig ist, ist Wissen und Handwerk zu bewahren. Viele dieser Techniken gibt es kaum noch – wir bilden unsere Mitarbeitenden selbst aus, damit dieses Know-how nicht verloren geht. Im Kern heißt Nachhaltigkeit für uns: verantwortungsvoll produzieren, langfristig denken und das weiterführen, was schon lange Bestand hat. Natürlich wissen wir, dass Nachhaltigkeit heute auch in Zahlen messbar sein sollte, daher ist auch ein Nachhaltigkeitsbericht in Planung.
Welche Rolle spielt Kreislaufwirtschaft in der Produktentwicklung? Können Steiner1888-Produkte am Ende ihres Lebens vollständig rückgeführt werden?
Kreislaufwirtschaft ist bei uns ganz natürlich mitgedacht, weil Wolle ein vollständig natürlicher Rohstoff ist. Unsere Schlafdecke ist ungefärbt und kann am Ende ihres Lebens komplett in den Kreislauf zurückgeführt werden – im Grunde kann man sie sogar im eigenen Garten kompostieren. Wolle ist ein hervorragender Dünger. Wir verwenden pure, ungewaschene Schafwolle selbst im Garten für Gemüse und Pflanzen. Das zeigt, wie wertvoll dieser Rohstoff ist – selbst am Ende seines Lebens. Genau das ist für uns der Kern von Kreislaufwirtschaft: ein Produkt zu schaffen, das nicht zum Abfall wird, sondern Teil eines natürlichen Kreislaufs ist.
Der Schladminger Janker, die Wolldecken, Kissen oder ein Loden-Accessoire – was ist dein Lieblingsprodukt aus dem Sortiment eurer Lodenmanufaktur?
Die Schlafdecke – die verwende ich jeden Tag. Kleidung, wie meine Lodenhose oder den Schladminger Janker, trage ich im Winter natürlich auch sehr gerne, aber die Decke begleitet mich das ganze Jahr.