Manchmal sind es die unscheinbaren Dinge, die den Unterschied machen: die elegante Leinenserviette am Frühstückstisch, die Tischdecke mit aufwendigem Jacquard-Muster. Leitner Leinen im Mühlviertel produziert Stoffe seit 1853 – und zeigt, warum echtes Handwerk wie die Weberei nicht nur auf dem Teller, sondern auch rundherum gefragt ist.
Leinen ist eines der ältesten Textilmaterialien der Welt und gerade deshalb zeitgemäßer denn je: weniger Chemie, kurze Wege, langlebige Qualität. Ein Stoff für alle, die bewusst konsumieren und natürliche Materialien schätzen. Jakob Leitner führt die oberösterreichische Weberei in sechster Generation und macht vor, wie zeitgemäße Textilproduktion Design, Tradition und Nachhaltigkeit vereinen kann.
„Die europäische Textilindustrie hat sich in den vergangenen Jahrzehnten radikal verändert“, erzählt der Junior Chef. „Wir werden immer weniger.“ Produktionen wanderten in Länder mit niedrigeren Kosten, viele traditionelle Betriebe mussten schließen.
Vor vier Jahren hat Jakob Leitner das Unternehmen von seinem Vater übernommen, seit 11 Jahren ist er im Betrieb. „Ich bin unserer Linie treu geblieben, nur unsere Kollektion ist deutlich umfangreicher geworden.“ Mit größerer Designvielfalt spricht der junge Firmenchef auch ein jüngeres Publikum an – und begeistert damit auch jahrzehntelang treue Stammkunden.
Seit über 170 Jahren produziert Leitner Leinen am selben Standort: im kleinen Ort Ulrichsberg im Mühlviertel. „Fluktuation ist ein Wort, das wir nicht kennen.“ Ein Großteil der 25 Mitarbeitenden wurde im Betrieb ausgebildet. „Alle Produkte, die unser Haus verlassen, werden tatsächlich bei uns hergestellt“, sagt Jakob. Vom Garn bis zum fertigen Produkt entsteht hier alles unter einem Dach. Ein seltener Ansatz – und einer, der gerade in Zeiten von Fast Fashion extrem an Bedeutung gewinnt.
Leinen ist mehr als ein Stoff. Es ist ein Material mit Geschichte – und mit erstaunlichen ökologischen Eigenschaften. Die Weberei Leitner verarbeitet Flachs (auch „Lein“ genannt) aus europäischen Anbaugebieten zu Tischwäsche, Bettwäsche und Heimtextilien.
Dass Leitner bis heute mit Leinen arbeitet, hat historische Gründe: Früher war Flachsanbau auf den kargen Böden im Mühlviertel weit verbreitet. Bauern bauten die Pflanze nebenbei an, verarbeiteten sie im Winter zu Garn und webten daraus Stoffe. Aus diesen handwerklichen Strukturen entstanden die ersten Webereien der Region.
Heute kommt der Rohstoff aus Frankreich und Belgien, wo Klima und Boden ideal für den Anbau sind. „Die Nachhaltigkeit beginnt schon am Feld!“ Anders als Baumwolle braucht Flachs kaum Pestizide und kommt ohne künstliche Bewässerung aus. Später ist das Material langlebig, biologisch abbaubar und die gesamte Pflanze kann genutzt werden.
„Wir arbeiten mit reinen Naturfasern, da findest du kein Mikroplastik!“ Auch die Lieferkette bleibt vergleichsweise kurz: „Die Fasern wachsen in Europa, werden in Frankreich und Italien versponnen, mit hochwertigen Farbstoffen gefärbt und bei uns im Mühlviertel verarbeitet.“
Robust, atmungsaktiv, langlebig – „es ist ein besonderer Stoff“, schwärmt Jakob, der mit Leinen groß wurde. Leinenfasern sind robust, mit dem Waschen wird das reißfeste Material immer weicher und hält viele Jahre. Es wirkt antibakteriell und sorgt Sommer wie Winter für ein gutes Schlafklima: „Leinenbettwäsche ermöglicht einen guten Luft- und Feuchtigkeitsaustausch.“
Je nach Geschmack und Produkt empfiehlt der Kenner Rein- oder Halbleinen (mit Baumwolle gemischt). Ob er selbst ein Lieblingsprodukt hat? „Ich finde unsere Frottierkollektion toll.“ Statt ultraweicher Handtücher, die gar nicht mehr saugen, geht Leitner einen anderen Weg: „Wir verweben 80 Prozent Baumwolle mit 20 Prozent Leinen.“ Das Ergebnis: die Handtücher saugen gut, werden schnell wieder trocken und haben einen leichten Peeling-Effekt.
Statt Masse produziert Leitner Leinen Qualität. „Wir stecken viel Arbeit in unsere Designsprache“, sagt Jakob Leitner. „Egal ob Tischtücher, Servietten, Bademäntel, Bettwäsche oder Kissen, wenn man ein Stück aus unserer Kollektion in die Hand nimmt, merkt man sofort: Das ist Leitner.“
Auf Jacquard-Webmaschinen werden komplexe Muster direkt in das Gewebe eingewebt. „Nicht aufgedruckt oder nachträglich appliziert, sondern als Teil des Stoffes.“ Tischtücher und Servietten bekommen durch traditionelle Veredelungen wie den Ajoursaum – eine feine Lochstickerei – eine besondere Eleganz. Für Jakob ist das der Kern seiner Arbeit: „Ein gutes Produkt erkennt man daran, dass es lange Freude macht.“
Was Jakob Leitner sich für die Zukunft wünscht, ist einfach: mehr Wertschätzung für Materialien und für die Menschen, die sie herstellen. „An einem Produkt hängt immer eine ganze Lieferkette“, sagt er. Jeder, der aufhört zu produzieren, sei ein Verlust für die europäische Textilbranche.
Was daraus folgen könnte? „Lokal erzeugte Textilien werden ein rares Gut.“ Hier sieht er eine Chance: ein neues Selbstbewusstsein für regionale Produktion. „Bei Lebensmitteln hat sich dieses Bewusstsein schon entwickelt.“ Mit Textilien soll es in dieselbe Richtung gehen. Vielleicht beginnt also Veränderung genau dort: auf deinem Frühstückstisch. Wenn zwischen Porridge, Butterbrot und dem Ei vom Freilandhuhn eine in Österreich produzierte Serviette liegt.