Den Stresspegel senken und das Demenzrisiko gleich mit? Die Lebenserwartung um beinahe zwei Jahre nach oben schrauben? Und dabei auf der Couch liegen und alles rundherum vergessen? Das bekommst du gratis dazu, zu jedem Buch. Vorausgesetzt du schlägst es auf und liest.
Lesen im Wandel der Zeit
Früher war sie ein Statussymbol. Ein ziemlich unverrückbares. In Zeiten gesteigerter Mobilität entpuppte sie sich dann als unpraktischer zum Vorzeigen als der Porsche oder die Birkin-Bag. Und doch galt über Jahrhunderte: je stärker und edler ausgestattet, desto besser – die hauseigene Bibliothek. Sich darüber zu definieren, welche Bücher in den Regalen stehen, ist in Zeiten des Kindle-Readers definitiv schwierig geworden. Auf Knopfdruck können wir uns mit Millionen Büchern ausstatten. Peinlich nur, wenn man sie nicht alle gelesen hat.
Warum wir weniger lesen
Ja, wir haben Ansprüche an uns und geben lieber erschöpft auf, noch bevor wir überhaupt eine erste Seite aufgeschlagen haben. Zu wenig Zeit, keine Gelegenheit, die Ausreden ähneln einander, möchte man Nichtleser oder Möchtegernmehrleserinnen dazu verführen, sich in ein Buch zu vertiefen. Aber Hand aufs Herz: Wie oft verschwenden wir dieselbe „zu wenig Zeit“ stattdessen an das, was irgendein Algorithmus Informatiuns als Happen im Netz zuwirft? Im Handumdrehen verschenken wir Stunden unseres Lebens an Google, Instagram, TikTok, Amazon, kommen beim Browsen und Scrollen vom Hundertsten ins Tausendste, ohne etwas wirklich Nachhaltiges für uns gefunden zu haben.
Wie Lesen uns erfüllt
Wir sind fühlende, langsame Wesen. Am glücklichsten sind wir, wenn wir uns für eine Zeitlang selbst vergessen. Und das gelingt fast nur auf eine Art: indem wir uns in etwas versenken, eintauchen und dennoch aktiv bleiben. Passives Konsumieren hingegen ist keine Selbstvergessenheit, sondern Ablenkung – von unseren Gefühlen, unserem Leben, unserem Denken, unserem Sein. Beim Lesen allerdings wenden wir uns etwas Neuem zu. Wir hängen den inneren Kritiker ab, bekämpfen unsere Unzufriedenheit, überdenken unsere Normen und Ansprüche, überwinden Vorurteile und Barrieren und öffnen uns einer Erfahrung im Tun.
Was Lesen im Gehirn bewirkt
Eine gute Geschichte versetzt uns in einen Flow, der einer Meditation oder einer Runde Joggen gleichkommt. Beim Lesen tauchen wir in andere Welten, Gedanken, Ideen ein, wechseln Perspektiven, erwecken unsere Fantasie, denn Worte werden erst in unserem Gehirn zu Bildern. Schreiben bedeutet, Denken zu materialisieren, durch das Lesen wird es übertragen. Was wir beim Lesen gesendet bekommen, müssen wir selbst entschlüsseln. Dass das sogar biologisch Spuren hinterlässt, konnten Forschende an der Emory University in Atlanta mittels Gehirnscans nachweisen. Nach regelmäßigem Lesen wurden bei Menschen Veränderungen in jenem Gehirnbereich festgestellt, der für die Aufnahme von Sprache zuständig ist. Und diese Veränderungen hielten noch fünf Tage später an.
Ins Lesen kommen
- Ort und Zeit zur Routine machen. 20 Minuten vor dem Einschlafen fürs Lesen reservieren. Seliges Schlummern garantiert. Es sei denn, du kannst das Buch nicht weglegen.
- Taschenbücher heißen nicht umsonst so. Statt Smartphone scrollen im Zug ein Buch aus der Tasche fischen. Lieblingsbücher wieder lesen. Ein Jugendbuch mit erwachsenem Blick neu erleben.
- Den Faden behalten. Den dicken Wälzer abwechselnd lesen und als Hörbuch hören.
- Zu wenig Platz? Ein Kindle fasst auf 16 GB rund 10.000 Bücher.
Warum Scrollen uns erschöpft
Nach einer Stunde Dauerscrolling fühlen wir uns wie nach einem King-Size-Menü im Fast-Food-Restaurant: vollgestopft, aufgebläht, unzufrieden. Es stößt uns auf. Wir sind satt, aber nicht genährt. Die Informatiunsonssplitter rasen im Kopf umher, während unsere Gehirnzellen verzweifelt versuchen, einen Zusammenhang zwischen Kätzchenvideos, Gletscherschmelze, Biketrails auf Hängebrücken, dem Montieren künstlicher Fingernägel und Kochrezepten zu finden. Es ist daran gewöhnt, Sinnzusammenhänge herzustellen, in Assoziationen und Verknüpfungen zu denken und dabei wie ein Muskel zu funktionieren. So wie wir es trainieren, so gut oder schlecht performt es. Und wenn wir es eine Stunde lang mit willkürlich ausgewählten Social Media-Beiträgen bombardieren, haben wir es mit so viel Unzusammenhängendem gequält, dass es lang danach immer noch damit beschäftigt, also abgelenkt und gestresst ist, Ordnung in diesem Chaos zu schaffen. Schließlich möchte es uns zu Diensten sein und sich merken, womit wir es füttern.
Bücher geben unserem Denken Halt
Ein Buch hingegen hat Strukturen. Autorinnen, Lektoren und Verlage schlagen für unser Hirn nachvollziehbar den Bogen von den Kätzchen bis zur Gletscherschmelze. Aber wer liest denn überhaupt noch? Rund 52 Prozent der Kinder lesen regelmäßig – sie sind damit die größte Lesergruppe. Doch nur ein Viertel von in Großbritannien befragten Kindern sieht ihre Eltern lesen. Über die Hälfte beobachtet Mamas und Papas dafür am Smartphone oder vor dem Fernseher. Frauen lesen mehr als Männer, und Herr und Frau Österreicher lesen etwas mehr als Deutsche. Immerhin sagen 56,7 Prozent, sie würden gerne mehr lesen. Etwa 30 Prozent tun sich laut OECD-Studie schwer, sinnerfassend oder überhaupt zu lesen. Das ist für Körper und Geist tatsächlich gesundheitsgefährdend.
Lesen hält Körper und Geist fit
Laut einer Untersuchung der University of Sussex senkt regelmäßiges Lesen den Stresspegel um zwei Drittel. Und während intensives Fernsehen unter Verdacht steht, das Risiko für Demenz zu erhöhen, scheinen jene, die ihr Leben lang viel lesen und schreiben, besser vor Alzheimer geschützt zu sein. Lesende leiden seltener an depressiven Verstimmungen und gelten zudem als empathischer. Schließlich werden sie beim Lesen dazu angehalten, sich in andere Menschen und Welten hineinzuversetzen. Und mehr noch: Intensivlesende, zeigte eine über zwölf Jahre durchgeführte amerikanische Studie, leben im Schnitt 23 Monate länger als jene, die keine Bücher lasen.
Die Magie der eigenen Bibliothek
Wer sich also eine Bibliothek, und sei sie noch so klein, zulegt, besitzt eine Art Haubenlokal fürs Gedächtnis und einen Spa für den gestressten Körper. Darin finden sich Kurzgeschichten oder Lyrik als Amuse-Gueule, Süß-Romantisches oder Salzig-Tränenreiches für den Hauptgang, schwere oder leichte Kost für jede Jahreszeit, prickelnde Aphorismen zum Dessert. Belletristik, Sachbücher, Reiseführer, Bildbände, Gelesenes oder Wiedergelesenes darf sich an Ungelesenes, Angefangenes und Weggelegtes reihen.
Wachsen mit jeder gelesenen Seite
Sich durch Bücher zu quälen war nie der Sinn der Sache. Mit der Übung kommt die Erfahrung. Und mit der Erfahrung auch das Selbstverständnis als Leser*in. Lesen fördert das Selbstbewusstsein. Wer liest, weiß meist genau, in welchen Genres, in welchen Stilen, Epochen, in welchen Themen er oder sie zu Hause ist. Wer seine Bibliothek pflegt, begibt sich immer wieder auf Entdeckungsreise. Manche Bücher lassen sich vielleicht erst später erobern, um dann verschlungen oder mit dem Dessertlöffel in kleinen Bissen genossen zu werden.
Bücher erzählen auch unser Leben
Manche Bücherwürmer haben stets einen Stift dabei, markieren Passagen, notieren Gedanken oder schreiben Datum und Ort der Beendigung der Lektüre auf die letzte Seite. So wird die Bibliothek zur Landkarte des eigenen Lebens: Jahre später fällt einem ein Buch beim Stöbern wieder in die Hände – und man begegnet sich selbst darin. Vielleicht, um daraus zu zitieren oder jemandem davon zu erzählen. Wahrscheinlich wurde #BookTok auch deswegen zum Megatrend: Bücher verbinden Menschen – mit sich selbst und der Welt.