Mental-Health-Expertin Dominique de Marné über Schlaf, Stress, Social Media und kleine Routinen, die uns wieder näher zu uns selbst bringen – im Alltag und im Urlaub.
Wir Menschen sind erstaunlich gut darin, weiterzumachen. Noch eine Mail. Noch ein Termin. Noch kurz das Handy checken. Noch schnell etwas erledigen, bevor wir endlich zur Ruhe kommen.
Nur kommt diese Ruhe dann oft nicht. Weil der Kopf längst beschlossen hat, auch nach Feierabend noch ein kleines Abendprogramm zu veranstalten: To-do-Listen, innere Kommentare und die beliebte Sonderfolge „Hätte ich das heute anders machen sollen?“
Dominique de Marné kennt diese Mechanismen gut. Sie ist Mental-Health-Expertin, Gründerin der Mental Health Crowd, Speakerin und Autorin von „Dein Mental Health Guide“. Ihre Arbeit dreht sich um eine einfache, aber große Frage: Wie können wir besser mit uns selbst umgehen – bevor alles zu viel wird?
Warum ist mentale Gesundheit so wichtig?
„Mentale Gesundheit ist die Grundlage für alles“, sagt Dominique. „Wenn sie fehlt, funktioniert man oft nur noch irgendwie. Dann ist an das, was das Leben schön macht, kaum zu denken: Freundschaften, Ziele, Genuss, Produktivität, Leichtigkeit.“
Genau deshalb gehört Mental Health nicht nur in Therapieräume oder Ratgeberregale. Sie gehört in unseren Alltag. An den Frühstückstisch. Auf den Spazierweg. Ins Hotelzimmer. In die Frage, ob wir wirklich erholt sind – oder nur kurz nicht erreichbar.
Im zweiten Gespräch erklärt Dominique de Marné, warum die Akku-Frage so hilfreich ist – und was gute Orte mit unserem inneren Gleichgewicht zu tun haben. Hier geht's zum Interview mit Dominique!
Was Mental Health wirklich meint
Das Thema Mental Health hat in den letzten Jahren viel Sichtbarkeit bekommen. Das ist gut. Gleichzeitig ist das Wissen darüber nicht automatisch mitgewachsen – was sie gerne als Mental Health Literacy bezeichnet. Viele Menschen denken dabei entweder sofort an Krise, Diagnose und Krankheit oder an Yoga, Atemübungen und ein bisschen Wellness. Beides greift zu kurz.
Für Dominique bedeutet mentale Gesundheit vor allem die Fähigkeit, das Leben zu genießen, Freunde treffen, Ziele haben, produktiv sein. Natürlich schwankt das. Niemand ist jeden Tag gleich belastbar, gleich geduldig, gleich offen für die Welt. Aber wie es uns innerlich geht, wirkt sich auf alles aus: wie wir schlafen, arbeiten, lieben, reisen, essen, streiten, zuhören.
Und genau hier beginnt die Verbindung zum Urlaub. Denn Urlaub ist oft der Moment, in dem wir merken, wie laut der Alltag war. Plötzlich ist da ein anderes Bett, ein anderer Blick aus dem Fenster, ein anderer Rhythmus. Manchmal reicht schon dieser Abstand, damit wir uns selbst wieder besser hören.
Warum Pausen so schwerfallen
Eigentlich wissen wir, dass Schlaf, Ruhe und Pausen wichtig sind. Trotzdem fällt es vielen schwer, Erholung ernst zu nehmen. Laut Dominique kämpfen wir dabei mit zwei mächtigen Gegenspielern: unserer Biologie und unserer Gesellschaft.
Unser innerer Kern steckt, wie sie sagt, „noch in der Steinzeit“. Energie sparen war früher überlebenswichtig. Gleichzeitig leben wir heute in einer Welt, die uns ständig vermittelt: Nur wenn du produktiv bist, bist du etwas wert.
Pausen gelten schnell als Schwäche. Wer früher schlafen geht, konsumiert weniger – das passt nicht ins System. Nichtstun gilt als verdächtig. Dazu kommt eine Umgebung, die permanent um unsere Aufmerksamkeit kämpft. Nachrichten, Apps, Termine, Feeds, Erinnerungen. Alles blinkt. Alles will etwas. Der Mensch hingegen wäre manchmal schon froh, wenn fünf Minuten niemand etwas von ihm möchte.
Viele wissen zwar, dass weniger Bildschirmzeit, mehr Schlaf oder echte Pausen guttun würden. Aber zwischen Wissen und Umsetzen liegt ein ziemlich großer Berg. Und der hat selten eine Seilbahn.
Social Media: nicht verteufeln, aber kuratieren
Dominique ist keine Verfechterin des radikalen Digitalverzichts. Social Media kann inspirieren, unterhalten, verbinden und manchmal auch einfach gut ablenken. Das Problem liegt eher in der Art und Dauer der Nutzung. Unsere Handys bieten inzwischen Tools wie Zeitlimits oder Erinnerungen – die kann man zwar wegdrücken, aber sie geben zumindest die Chance, kurz innezuhalten und zu fragen: Will ich das jetzt wirklich?
Wer einem nicht guttut, darf entfolgt werden. Ganz ohne schlechtes Gewissen. Der eigene Feed darf kuratiert sein wie ein gutes Hotelbuffet: nicht alles draufpacken, nur weil es da ist. „Ich frage mich nach dem Scrollen: Wie geht’s mir jetzt? Fühle ich mich inspiriert – oder eher klein und ungenügend, weil alle anderen scheinbar besser, schöner, erfolgreicher sind?“, sagt die Mental-Health-Expertin.
Und wenn Katzenvideos guttun? Dann dürfen es Katzenvideos sein. „Aber bewusst. Denn wir sollten nicht vergessen: Auf der anderen Seite sitzen Menschen, die dafür bezahlt werden, uns am Bildschirm zu halten. Da dürfen wir ruhig ein bisschen gegensteuern.“
Warum schlechte Gewohnheiten so hartnäckig sind
Wir Menschen sind nicht besonders gut für Langfristigkeit gemacht. Eine Stunde am Handy? Wird schon nicht schaden. Eine Nacht zu wenig Schlaf? Geht schon. Ein Tag ohne Pause? Muss halt.
Die Folgen kommen oft erst später. Genau das macht es so schwierig. Unser Gehirn tut sich schwer damit, langfristige Effekte wirklich zu begreifen. Umgekehrt bringt ein Apfel, ein Spaziergang oder ein Besuch im Fitnessstudio auch nicht sofort das große Halleluja.
Deshalb glaubt Dominique nicht an den perfekten Neustart am Montag. Sondern an kleine, konkrete Schritte. Eine gute Entscheidung heute. Und morgen wieder eine.
Schlaf: der unterschätzte Luxus
Wenn Dominique nur einen Hebel für mehr mentale Gesundheit nennen müsste, wäre ihre Antwort klar: Schlaf. „Wenn mich jemand fragt, was man für die mentale Gesundheit tun kann, ist Schlaf meine erste Antwort“, sagt sie. „Das wird total unterschätzt.“
Schon eine halbe Stunde mehr kann einen spürbaren Unterschied machen. Vielleicht ist das auch eine der schönsten Aufgaben für den nächsten Urlaub: nicht möglichst viel erleben, sondern endlich wieder richtig schlafen. Früh ins Bett gehen, ohne sich langweilig zu finden. Morgens aufwachen, ohne sofort das Handy zu greifen. Dem Körper erlauben, nicht funktionieren zu müssen. Das klingt unspektakulär. Ist aber ziemlich revolutionär.
4 schnelle Hebel aus dem Mental Health Guide
In ihrem Mental Health Guide präsentiert Dominique de Marné zwölf Bausteine für ein gesundes Leben. Besonders schnell spürbar sind für sie diese vier:
- Mehr Schlaf: Schon eine halbe Stunde mehr kann einen Unterschied machen.
- Regelmäßige Bewegung: Auch Bewegung wirkt oft schneller, als wir glauben.
- Dankbarkeit: Jeden Tag kurz überlegen, was gerade gut ist. Das kann helfen, das Stresslevel zu senken.
- Klarer kommunizieren: Nicht erwarten, dass andere Gedanken lesen. Sondern sagen, wie es uns geht. Zum Beispiel: „Ich bin gerade unsicher – darf ich dich das fragen?“
Kleine Routinen statt großer Neustart
Bei Dominique selbst beginnt der Tag früh. Sie macht Sport, Yoga, Meditation, Journaling und übt sich in Dankbarkeit. Manchmal dauert das 15 Minuten, manchmal eine Stunde. Entscheidend ist nicht die perfekte Dauer, sondern die Wiederholung.
Auch ihr Umgang mit Medien ist bewusst geplant. Sie entscheidet, wann welche App aktiv ist und wann das Handy aus bleibt. In bestimmten Räumen hat es einfach nichts zu suchen. Nicht nur ihretwegen, sondern auch wegen ihrer Kinder. „Achtsamkeit hilft mir sehr, um mich zwischen Arbeit und Familie nicht zu zerreißen. Wenn ich bei meinen Kindern bin, bin ich bei ihnen. Wenn ich arbeite, dann arbeite ich.“
Rollen, Grenzen und der Kalender
Viele Menschen werden zwischen ihren Rollen zerrieben: Mutter, Vater, Schwester, Freundin, Partner, Tochter, Kollege, Gastgeberin, Chef. Jede Rolle will etwas anderes. Dominique empfiehlt, sich ehrlich zu fragen: Welche Rolle ist gerade mit dabei? Welche kommt zu kurz? Das zu reflektieren sei unfassbar wichtig. Sich hinsetzen und überlegen: Was ist mir wichtig? Was soll mehr Raum bekommen? „Und das plane ich wie Termine im Kalender. Das klappt nicht immer, aber es erhöht die Wahrscheinlichkeit.“
Eine Freundin von ihr wohnt weiter weg. Früher sagten beide oft: „Wir sollten mal wieder telefonieren.“ Passiert ist wenig. Heute haben sie alle zwei Wochen einen festen Termin. Seitdem sind sie wieder präsent im Leben der anderen. Viele denken, Planung nehme dem Leben die Spontanität. Oft ist es umgekehrt: Erst ein fester Rahmen macht Freiheit möglich. Und wer einfach anfangen möchte, stellt sich eine Frage, die Dominique im Akku-Interview genauer erklärt: Wie voll ist mein Akku heute?
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