Urlaub inmitten frischer Bergluft und trotzdem will das Einschlafen wieder einmal nicht so recht klappen. Erfolglos hat man alle erdenklichen Schlafpositionen durchprobiert. Ein Blick aus dem Fenster verrät schließlich den Schuldigen. Doch beeinflusst der Mond tatsächlich unsere Schlafqualität? Eine Bestandsaufnahme zwischen Himmel und Erde, Physik und Psychologie, Glauben und Wissen.
„That's one small step for a man, one giant leap for mankind“, wies Neil Armstrong 1969 beim ersten Betreten des Mondes auf die enorme Bedeutung des Himmelskörpers für die Menschheit hin. Im Vergleich zur Erde ist er ein Zwerg und doch lässt der Mond die Weltmeere aus beachtlichen 400.000 Kilometern Entfernung zwischen Ebbe und Flut wechseln. Grund dafür ist seine Gravitationskraft. Sie zieht die Ozeane an und erzeugt so die Gezeiten. Da sich die Erde währenddessen weiterdreht, erleben wir an den Küsten einen ständigen Wechsel aus Steigen und Fallen des Wasserspiegels. So weit, so klar und physikalisch unumstritten.
Etwas weniger eindeutig ist die Sachlage hingegen in Bezug auf unseren Schlaf. Wer schon einmal mit einer unruhigen Nacht zu kämpfen hatte, kennt den Reflex: ein Blick aus dem Fenster – und tatsächlich leuchtet dort oft der Vollmond. Der Schuldige ist somit eindeutig überführt. Doch stimmt das wirklich? Beeinflusst der Mond tatsächlich unsere Schlafqualität? Oder handelt es sich dabei um einen der hartnäckigsten Mythen der Menschheitsgeschichte?
Eine Idee, fast so alt wie die Menschheit
Der Mond begleitet Menschen seit Jahrtausenden. Er diente als Kalender und spielt bis heute in Religionen, Legenden und dem Volksglauben eine zentrale Rolle. Wenn unser Trabant ganze Ozeane bewegen kann, warum sollte er nicht auch alles Leben, das Wasser enthält, beeinflussen?
Zunächst scheint die Wirkung auf Menschen, Tiere und Pflanzen plausibel. Vom Haarwachstum über die Haltbarkeit von Christbäumen bis hin zur Langlebigkeit und Brennbarkeit des Baustoffes Holz wird dem Mond eine ganze Menge Bedeutung beigemessen. Lange glaubte man auch, der Vollmond sei für ungewöhnliches Verhalten verantwortlich, mache Menschen aggressiv, führe zu einer Häufung von Unfällen und verursache Schlafstörungen. Sprachlich spiegelt sich diese Vorstellung etwa im englischen Wort „lunatic“ (dt. Verrückter) wider, das auf das lateinische „lunaticus“ zurückgeht und „vom Mond beeinflusst“ bedeutet.
Wie so oft, sind Volksglaube und Wissenschaft freilich zwei Paar Schuhe. Denn um eine nennenswerte physikalische Wirkung entfalten zu können, benötigt der Mond gewaltige Wassermassen. In den Ozeanen sind diese vorhanden, im menschlichen Körper – auch wenn er zu rund 60 Prozent aus Wasser besteht – ist die absolute Menge vergleichsweise verschwindend klein. „Die Gravitationskraft, die der Mond auf uns ausübt, lässt sich berechnen und sie ist enorm gering“, so Astronom, Wissenschaftsautor und Science Buster Florian Freistetter.
Außerdem verändere sich der Mond zwischen Voll- und Neumond nicht. „Es ist immer derselbe Mond. Da verschwindet nichts. Wir sehen im Laufe eines Monats nur einen unterschiedlich großen Anteil der vom Sonnenlicht beleuchteten Hälfte des Mondes“, erläutert Freistetter. Kann der Mond also schuld an unseren schlaflosen Nächten sein?
Von Aristoteles bis Zirbeldrüse – dein Schlaf-ABC
Aristoteles – Es ist fast ein Klischee, aber auch die Geschichte der Schlafforschung fängt mit dem großen Philosophen der griechischen Antike an. Um 350 v. Chr. verfasste er die Schrift „Über Schlafen und Wachen“. Er fragte sich, was wir da eigentlich tun, im wachen wie im schlafenden Zustand. Es dauerte über 2.200 Jahre, bis Mitte des 19. Jahrhunderts auch die Naturwissenschaft den Schlaf für sich entdeckte. Bis wir wirklich wussten, dass der Schlaf nicht das große Nichts ist, musste aber erst das Elektroenzephalogramm erfunden werden – 1924! Im Anschluss konnte man die Hirnströme messen und stellte fest: Im Gehirn geht’s ganz schön zu, wenn wir schlafen.
Blaues Licht – Immer mehr Menschen sehen sich vor dem Einschlafen noch Serien an – und zwar im Bett. Die Bildschirme von Smartphones und Tablets strahlen allerdings blaues Licht aus. Auf den Körper wirkt das wie Tageslicht – wir schütten das Protein Melanopsin aus. Das gibt dem Gehirn das Signal „Aufwachen!“. Genau das Falsche also, wenn man schlafen will.
Circadiane – Rhythmik ist unser natürlicher 24-Stunden- Tag-Nacht-Rhythmus, der steuert, wann wir wach sind und wann wir schlafen. Diese „inneren Uhr“ in unserem Gehirn passt sich an äußere Faktoren wie das Tageslicht an.
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Die überraschende Studie aus der Schweiz
Für Aufsehen sorgte 2013 eine Untersuchung von Forschenden der Schweizer Universität Basel. Das Team rund um Christian Cajochen analysierte Schlafdaten von 33 Versuchspersonen, die in einem Schlaflabor übernachteten, ohne zu wissen, in welcher Mondphase sie sich befanden. Das Ergebnis war bemerkenswert: Bei Vollmond verlängerte sich die Einschlafzeit im Schnitt um etwa fünf Minuten. Die nächtliche Schlafdauer sank hingegen um rund 20 Minuten. Auch die Tiefschlafphase war messbar kürzer. Außerdem berichteten die Proband*innen von einer schlechteren Schlafqualität.
Da Gravitationskräfte als Erklärung wissenschaftlich ausgeschlossen sind, gingen die Forscher*innen damals von einem möglichen Hinweis auf einen „zirkalunaren Rhythmus“ – also auf eine biologische Anpassung an den etwa 29,5 Tage dauernden Mondzyklus – aus.
Einmal ist in der Wissenschaft kein Mal
In der Wissenschaft gilt jedoch: Eine einzelne Studie liefert noch keinen endgültigen Beweis. Zahlreiche Forschergruppen weltweit versuchten in weiterer Folge, die Baseler Ergebnisse zu reproduzieren, kamen aber zu keinen vergleichbaren Ergebnissen. Stattdessen konnte keinerlei oder ein lediglich sehr geringer Zusammenhang zwischen Mondphasen und Schlafqualität festgestellt werden.
Aus astronomischer Sicht könne der Vollmond die Schlafqualität des Menschen nur beeinflussen, wenn er durch das vorhanglose Fenster zufällig genau auf das Bett leuchte und dadurch den Schlaf störe, so Experte Florian Freistetter. „Aber das kann nicht nur der Mond, das kann auch jede Straßenlaterne“, bringt es der Astronom auf den Punkt. Übrigens: Mondlicht gibt es genau genommen gar nicht. „Der Mond leuchtet nicht selbst, er wird von der Sonne angeleuchtet. Das ‚Mondlicht‘ ist also ganz normales Sonnenlicht – nur weniger davon“, sagt Florian Freistetter.
Mondlicht: zwischen Schlafräuber und Wegweiser
Seine Strahlkraft ist dennoch bemerkenswert. Wer in einer alpinen Region mit wenig Lichtverschmutzung lebt oder urlaubt, erlebt sie freilich weit intensiver als inmitten der Großstadt. „Das kann unter Umständen den Schlaf beeinflussen“, gibt Schlafforscher Gerhard Klösch in diesem Zusammenhang zu bedenken.
Das Licht kann Fluch oder Segen sein, wie ein Blick in Natur und Vergangenheit deutlich macht: „Für ein Beutetier oder einen Jäger ist eine hell erleuchtete Nacht eine Riesenprovokation. Da wirst du gesehen, da kannst du dich nicht verstecken“, so Klösch. Ganz anders nahm hingegen die so genannte Lunar Society im England des 18. Jahrhunderts das Mondlicht wahr. Sie habe sich stets bewusst zu Vollmond getroffen, weiß der Schlafforscher. „Aber nicht aus spirituellen Gründen, sondern ganz einfach, weil Vollmondnächte hell erleuchtet waren und damit der Heimweg sicher“, erläutert er. „Die Menschheit ist sehr pragmatisch, sonst hätten wir wahrscheinlich nicht überlebt.“
À propos pragmatisch: Bevor wir über Uhren, Smartphones und Co. verfügten, bot uns der Mond eine einfache und konstante Möglichkeit, uns zu verabreden. Auch gewisse jahreszeitliche Aktivitäten, wie etwa die Holzarbeit, seien rund um Vollmond geplant worden, so Schlafforscher Klösch. Warum? Schlicht, um zur selben Zeit am vereinbarten Ort einzutreffen. Mit der erwarteten Holzqualität hatte das mondabhängige Timing demnach nichts zu tun.
Mögliche Erklärungen für den Vollmond-Effekt
Ungeachtet des wissenschaftlichen Kenntnisstandes messen wir dem Mond heute in diversen Zusammenhängen Bedeutung bei. Viele Menschen schlafen bei Vollmond schlechter oder haben zumindest den subjektiven Eindruck, unter ihm zu leiden.
Eine mögliche Erklärung liegt laut Gerhard Klösch im so genannten Hindsight Bias (dt. Rückschaufehler). Nach dem Motto "Ich habe es immer schon gewusst" schätzen wir ein bereits eingetretenes Ereignis im Nachhinein als vorhersehbar ein. So muss der Vollmond kurzerhand als Erklärung für eine unruhige Nacht dienen.
Generell sind wir Menschen Meister*innen darin, Muster zu erkennen – manchmal auch dort, wo keine sind. „Wir glauben eben gerne und wir tun uns schwer, unsere eigene Erfahrung objektiv einzuschätzen“, so auch Astronom Florian Freistetter. Wenn wir – aus welchen Gründen auch immer – schlecht schlafen und den Vollmond entdecken, bleibt das im Gedächtnis. Schlafen wir schlecht, ohne den Vollmond zu erblicken, erinnern wir uns später nicht daran. „Diese selektive Wahrnehmung ist ein völlig normaler Aspekt unserer Psychologie und bestärkt uns in dem Glauben an einen Effekt des Mondes“, erklärt der Astronom.
Die Vorstellung, dass der Vollmond unsere Nächte beeinflusst, gehört wohl zu den faszinierendsten Grenzbereichen zwischen Mythos und Wissenschaft und wird vermutlich noch Generationen von Forscher*innen beschäftigen. Einige andere Schlafräuber*innen sind jedoch schon heute eindeutig überführt. Dazu zählen etwa ein unregelmäßiger Schlafrhythmus, Stress, Alkoholkonsum, Hitze, Koffein, Lärm und abendliche Bildschirmzeit. In diesem Sinne: Smartphone weg, Laptop zu, schönen Urlaub und gute Nacht!