Portrait Andrea Dietl von knallgrün
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Wie werden Hotels nachhaltiger, Andrea Dietl?

Blog • Interview

Es ist so. Reisen verbraucht Ressourcen. Und Reisen wirkt sich negativ auf das Klima aus. Gleichzeitig möchten immer mehr Gäste mit gutem Gewissen Urlaub machen. Aber wie können Reisende echtes Engagement von Greenwashing unterscheiden? Und was verwandelt ein Hotel in ein möglichst nachhaltiges Haus? Wir fragen bei einer CSR-Expertin nach.

Maria Kapeller

Woher kommt der Strom im Hotel? Setzt die Küche auf regionale Produkte? Werden die Mitarbeitenden fair entlohnt? Mit Fragen wie diesen beschäftigt sich die in Innsbruck lebende Nachhaltigkeitsexpertin Andrea Dietl laufend. Sie berät mit „knallgrün – new eco“ Hotels und touristische Organisationen im Bereich nachhaltige Entwicklung und gesellschaftliche Verantwortung. Auch bekannt als Corporate Social Responsibility (CSR). Ihr erster Hotelkunde war das Familienhotel Stern am Mieminger Plateau, das schon früh – 2009 – mit einem kontinuierlichen Veränderungsprozess begonnen hat. Genau dort treffen wir Andrea Dietl für das Interview.

Der Stern – Verspieltes Familienhotel in Tirol

Ein Blick ins erste klimaneutrale Hotel Tirols: das Familienhotel Der Stern. Hausherr René Föger verrät dir außerdem die simpelste Formel nachhaltigen Wirtschaftens.

Was können Hotels tun, damit sie ökologisch und sozial nachhaltiger werden?

Bei bestehenden Gebäuden ist die Gebäudehülle ein großes Thema, eine Dämmung hat viel Einsparungspotenzial. Danach folgt oft der Schritt, mehr erneuerbare Energie selbst zu erzeugen oder zuzukaufen. In der Folge geht es an die Lieferketten: Welche Emissionen kaufe ich ein? Dabei ist die Ernährung ein sehr großer Punkt – vor allem die Klimawirkung von Fleisch, Milch und Joghurt – sowie die Reduktion von Lebensmittelabfällen. Das alles lässt sich sehr gut abbilden, wenn das Hotel einen Klimafußabdruck erstellt und die eigenen Werte mit Branchenkennzahlen vergleicht. Das gleiche Vorgehen gilt für die Auseinandersetzung mit Gender Pay Gaps oder Menschenrechten.

Ein wesentliches Thema in puncto nachhaltiger Entwicklung ist der Klimaschutz. Worauf kommt es dabei für Hotels am meisten an?

Inwiefern Klimaschutz im eigenen Betrieb schon gelebt wird und wo noch Luft nach oben ist, zeigt eben die Ermittlung des eigenen Klimafußabdrucks. Sind die Fakten eruiert, stellt sich die Frage: In welchen Bereichen und mit welchen Maßnahmen kann ich eine Wirkung erzielen? Das ist sehr wesentlich. Denn die erhoffte Wirkung entfaltet sich erst, wenn ich tatsächlich reduziere. Es geht um messbare Reduktion vor Kompensation in Klimaschutzprojekten: Finanziell ausgeglichen sollten am Ende nur jene Emissionen werden, die wirklich unvermeidbar sind.

Du begleitest Hotels und touristische Organisationen am Weg zu einer nachhaltigeren Entwicklung. Mit welchen Herausforderungen wenden sie sich an dich?

Oft kommen Hotelbetreiber*innen auf mich zu, weil der Blick auf notwendige Handlungsfelder von außen besser gelingt. Sie suchen Unterstützung, um ihren Klimafußabdruck messen und senken zu können. Und sie brauchen Expertise, enkeltaugliche Strategien im Unternehmen aufzubauen, also Produkte und Dienstleistungen in eine umwelt- und sozialverträglichere Richtung entwickeln zu können.

Warum reicht es aus deiner Sicht nicht aus, sich mit einem vertrauenswürdigem Gütesiegel wie dem Umweltzeichen zertifizieren zu lassen?

Unabhängige Zertifizierungen ‒ bestenfalls ISO Type 1 ‒ sind enorm wichtig, weil sie einen externen Blick auf das eigene Handeln ermöglichen und konsequentes Qualitätsmanagement einfordern. Aber es braucht heute mehr. CSR ist da, um Unternehmen in die Zukunft zu transferieren. Ziel ist es, Unternehmen mit all ihren wirtschaftlichen und täglichen operativen Herausforderungen zu alternativen Denk- und Lösungsansätzen zu verhelfen. Dabei geht es vor allem darum, dass Unternehmen lernen, innerhalb neuer Leitplanken zu agieren.

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Hotel Der Stern

Andrea Dietl und das Change Maker Hotel Stern sind ein gutes Team.

Wie kann man sich so einen Prozess konkret vorstellen?

Es ist ein kollektiver, langfristiger Lernprozess, der sich für alle Beteiligten lohnt – vor allem wirtschaftlich. Wir starten einen CSR-Prozess mit offenen Dialogen mit Menschen aller Altersgruppen, die einen Einfluss auf das Unternehmen ausüben – und von ihm beeinflusst werden. Dazu zählen zum Beispiel Mitarbeitende, Anrainerinnen, Nicht-Regierungsorganisationen, Journalistinnen, Auszubildende, Studierende, Produzenten, Architektinnen oder Stammgäste. Dabei ist es wichtig, auch kritische Stimmen zu Wort kommen zu lassen. Zeitgleich folgen analytische Tätigkeiten, etwa: Auf welche Faktoren von außen kann das Unternehmen keinen Einfluss nehmen und vorausschauend darauf reagieren? Dazu zählen politische Rahmenbedingungen, wie die Entwicklung von CO2-Steuern, oder rechtliche Vorgaben, wie die nachhaltige Berichtspflicht für Unternehmen.

Inwiefern lassen sich Hotelbetriebe auf solche tiefgreifenden Transformationsprozesse ein?

Ich mache die Erfahrung, dass die jungen Generationen viel systematischer und konsequenter denken und handeln. Sie können mit einer nachhaltigen Ausrichtung sehr viel mehr anfangen als ihre Vorgänger*innen. Vielleicht deshalb, weil sie nicht ein altes System loslassen müssen, sondern freier sind und aus einer völlig anderen Perspektive starten.

Was ist das Um und Auf, wenn sich ein Hotel nachhaltig entwickeln möchte?

Am Anfang ist es wichtig, das eigene Umfeld zu mobilisieren. Allein lässt sich heute gar nichts mehr ausrichten. Die Mitarbeitenden, Gäste, Lieferant*innen und andere Beteiligte müssen Teil der Strategie werden, sich als Partner*innen verstehen, als Teil der Lösung. Und dafür braucht es Willen, Ausdauer, Ressourcen und Kommunikationsgeschick. Das betrifft auch die Gäste: Ihnen sollte klar sein, warum es wünschenswert und wirkungsvoll ist, auch mal mit dem Zug anzureisen oder sich auch für ein lokales, vegetarisches oder veganes Essen zu entscheiden. Das Ganze ist eben mehr als die Summe seiner Teile.

Thema Greenwashing: Wie merken Gäste, ob ein Hotel tatsächlich einen nachhaltigen Weg einschlägt und hält, was das grüne Marketing, was die Green Claims, versprechen?

Grundsätzlich kann man sich auf der hoteleigenen Website oder bei seriösen Zertifizierungsstellen ein erstes Bild machen. Je mehr Rezertifizierungen, desto besser. Wenn ein Hotel beispielsweise einen Klimafußabdruck mit Zahlen, Daten und Fakten thematisiert oder einen Nachhaltigkeitsbericht mit umgesetzten und geplanten Maßnahmen veröffentlicht, ist das ein gutes Zeichen für prozessorientiertes Denken und Handeln. Hotels sollten klar kommunizieren, dass sie sich in einem Veränderungsprozess befinden, wer dafür verantwortlich ist, und welche Werte und Vision verfolgt werden. Wichtig ist, dass die Kommunikation nach innen wie nach außen transparent, faktenbasiert und ehrlich abläuft. Das heißt in aller Konsequenz: Betriebe sollten auch dazu stehen, wenn sich etwas mal nicht so positiv entwickelt. Das macht sie glaubwürdig und interessant. Und zahlt auf ihr Reputationskonto ein.

Visionär*innen