Mathias Beitl Völkerkundemuseum Wien Portrait
c Marlena König, Vermehrt Schönes

Nutze dein Museum!

Blog • Interview

Matthias Beitl, Direktor des Volkskundemuseums Wien im Gespräch über Klimaschutz, Repair-Hacks und warum ein Museum in Zukunft wie ein Wohnzimmer daherkommt.

Marie-Theres Stremnitzer

Volkskunde, Trends, Ideen, Moden und Zeitgeist - hier beim Volkskundemuseum in Wien hat sich ein Treffpunkt enwickelt, an dem Interessierte durchaus ihre eigenen Studien betreiben können. Welche davon Eingang ins Museum finden, wie aktivistisch ein Museum sein kann und warum Abhängen im Museum die Zukunft ist, haben wir bei Museumsdirektor Matthias Beitl erfragt.

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c Kollektiv Fischka Kramar

Hier im achten Wiener Gemeindebezirk sind Sie umgeben von urbanen Moden, Hypes und neuen Strömungen. Welchen schließen Sie sich an?

Als vor ein paar Jahren „Fridays for Future“ entstand, gab es relativ schnell auch „MuseumsforFuture“. Wir haben sehr früh ein solches Banner aufgehängt, das dann viral ging. Wir haben ja den Mythos, dass wir Bildungskompetenz haben (schmunzelt). Und die inhaltliche Dynamik führte dazu, dass wir längst auch eine Klimaschutzbeauftragte im Haus haben, und seit heuer die „Wir heizen nicht“-Challenge.

Und seit 2021 den Klimarechnungshof!

Ja, weil es den politisch nicht gibt, haben wir ihn in Kooperation mit Alexa Färber vom Institut für Europäische Ethnologie der Universität Wien fiktional hergestellt und arbeiten in dieser Fiktion jetzt mit Expertinnen und Experten real daran. Der Klimarechnungshof ist ein Beispiel, wie ein Museum, vor allem unseres Fachs, als kulturwissenschaftliche und gesell- schaftswissenschaftliche Institution nicht nur Ausstellungen macht und Texte schreibt, sondern auch aktivistisch ist und Positionen einnimmt und dadurch noch politischer wird, denn das Museum an sich ist ein politischer Ort qua seiner Sammlungen, denn die kommen ja immer in einer spezifischen politischen Situation zustande.

Mittlerweile gehört auch die Migration zu den großen europäischen Themen?

Ja, wobei es das Thema immer gibt, das ist ein Kontinuum, und wird sicherlich nach der Generalsanierung ein zentraler Bestandteil sein; es steht auch in Diskussion mit Begriffen wie Heimat und Tradition, denn diese muss man eigentlich ständig brechen und den Rechten wegnehmen. Mich fragen immer wieder junge Leute: Volkskundemuseum?! Volk? Buh! . . . Ja klar, Volkskundemuseum ist vielleicht kein supersexy Titel, wir werden es sicher anders benennen in Zukunft, aber wenn ich den Begriff Volk hernehme und nicht im Ethnos denke, sondern im Demos, dann bin ich plötzlich in der Politik und in der Diskussion und Auseinandersetzung. Das ist ein ganz anderer Zugang, und das vergessen die Leute oft.

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c Kollektiv Fischka Kramar

Mit dem Repair Festival, das im Oktober wieder stattfinden soll, haben Sie sich einer weiteren „Mode“-Erscheinung gewidmet. Ist das Reparieren analoge Folklore in einer digitalen Welt? Oder der dringend notwendige Versuch, mit Dingen wieder in eine Beziehung zu kommen?

Ich würde hier analog und digital nicht trennen, weil auch ein repariertes Handy ein reparierter Gegenstand ist. Ich würde es nicht als Folklore, sondern als Gegenbewegung sehen, die unterschiedliche Anknüpfungspunkte hat. DIYs oder Hacks auf YouTube, viele von denen finde ich total super. Natürlich kann man auch diese Repair-Thematik irrsinnig aufladen mit gesellschaftlichen, klimapolitischen Antiglobalisierungsmaßnahmen. Ich finde aber, das Repair Festival als Projekt von Tina Zickler und das Format Festival an sich eine interessante Form für Museen, um sich einem Thema anzunähern, mittels Partizipation, Kommunikation; ein Format, wo sich Menschen treffen können in einer Direct-Learning-Situation, dafür muss man nicht klug sein, sondern nur einen Nutzen daraus ziehen, also: Nutze dein Museum! Ich glaube, dass diese Repair-Bewegung und Werterhaltungsthematik schon bleiben wird, wenn ich mir anschaue, was sich die jungen Leute alles einfallen lassen und wo überall sie sich engagieren. Vom Flohmarkt bis zu too good to go.

Sind das massentaugliche Ideen?

Ich weiß nicht, welche Ideen überhaupt massentauglich sind. Gerade beim Konsum und der Wertschätzung von Dingen muss man ja nicht ideologisch aufeinander hinhauen, da könnte man politisch relativ schnell einen Konsens finden, indem man die Dinge, die man verwendet, aufwertet, das ist ja nicht nur ein Projekt für die Grünen und Bobos. Man sollte das leben und probieren und kommunizieren. Aber nicht überästhetisieren oder mit an- deren Diskursen verbinden oder aufladen.

Eine Wertaufladung der Dinge kann jederzeit passieren. Beim Produzieren, beim Benützen, beim Weitergeben und ganz besonders beim Sammeln. Gibt es heute noch Sammelmoden? Obwohl eh alles verfügbar, reproduzierbar zu sein scheint?

Genau diese Sammelleidenschaft ist unser Problem, denn das Ergebnis landet oft bei uns. Wir sind irgendwie der Mistkübel des schlechten Gewissens. Gesammelt wird wie wahnsinnig und alles, und dann wollen die Sammler es entweder selbst loswerden oder die Kinder haben kein Interesse daran, und dann werden die Konvolute an uns herangetragen mit den Worten: „Ich tät’s auch schenken.“

Was sind denn die skurrilsten Dinge, die Ihnen angeboten wurden?

Diese ultimativen Aussagen sind schwierig. Ich habe einmal eine etwa 200 Stück umfassende Häferlsammlung aufgenommen aus einem aufgelösten Sommerfrischehaushalt. Souvenirhäferl aus allen möglichen Orten, die über Jahrzehnte gesammelt wurden, weil die Familie ihren Gästen die Aufgabe gestellt hatte, beim Besuch Souvenirhäferl aus bereisten Städten mit diversen Sprüchen darauf mitzubringen. Vor dem tiefbürgerlichen Hintergrund die Sommerfrische über eine Häferlsammlung zu erzählen, fand ich eine sehr schöne Idee.

Wie könnte Nahbarkeit und Nutzbarkeit des Museums in Zukunft noch stattfinden?

Wir werden während des Umbaus unterwegs sein, die Sammlungen aufarbeiten, uns neue Themen und Kooperationen holen, und dann kommen wir hoffentlich als sogenanntes Mehr- spartenhaus zurück. Ausstellungen sind dann nur ein Teil davon: Wir sehen Inhaltsgenese als ein Communityprojekt. Und in diese neuen Ideen soll auch die Nutzbarkeit der Räume gehen und nur ein Teil in eine semipermanente Ausstellung, in der man aber nicht wahnsinnig teure Vitrinen und Bauten für Objekte hat, sondern die eher wie ein Wohnzimmer daherkommt, in dem ich alle Elemente des Displays habe: ein Regal mit Büchern, Fernseher, Staubfänger, Hausbar . . . hier kann ich verschiedene Dinge reinstellen und dort halte ich mich gerne auf. Der Wunsch ist, es zu schaffen, dass hier Menschen in Kontakt kommen oder wir sie in Kontakt treten lassen. Und zwar, weil sie einfach kommen, um sich hier aufzuhalten. Umgeben von Dingen. Die Bibliotheken machen das ganz gut, sie sind sehr öffentliche Orte geworden, in die man sich einfach hineinsetzen kann. Die Museen gehören dahingehend auch verändert, sodass man sich nicht vornehmen muss, ins Museum zu gehen. Sondern dass man einfach dort ist . . . und dann sieht man plötzlich Objekte und fragt sich: „Was ist das eigentlich?“

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