Nicht jeder Foodtrend ist ernährungswissenschaftlich und ökologisch begründbar. Was also steckt hinter der internationalen Popularität mancher Lebensmittel? Können regionale Alternativen mit den Exoten mithalten? Und müssen sie das überhaupt?
Wer in urbanen Cafés frühstückt, Supermärkte durchstöbert oder durch Instagram scrollt, kommt kaum an ihnen vorbei: Matcha-Latte, Avocado-Toast und Ube-Croissant. Auch Kokosöl, Quinoa und andere Exoten wurden in den letzten Jahren international als Superfoods gefeiert. Doch sind sie das wirklich? Und braucht es diese Produkte für ein ausgewogenes Urlaubsfrühstück im Alpenraum?
Kurz gesagt: Foodtrends sind nicht automatisch schlecht. Problematisch wird es, wenn exotische Produkte als gesund, nachhaltig oder unverzichtbar verkauft werden, ohne Herkunft, Verarbeitung und Transport mitzudenken.
Eine verantwortungsvolle Urlaubsküche muss nicht jedem Hype folgen. Sie darf neugierig bleiben – und gleichzeitig zeigen, was regionale Zutaten können.
Warum wir Foodtrends lieben
Die Popularität von Avocado, Matcha und Ube hat nicht nur mit Geschmack zu tun. Foodtrends bedienen grundlegende menschliche Bedürfnisse. Sie versprechen Gesundheit, Individualität und Zugehörigkeit. Wer einen Matcha-Latte bestellt, konsumiert nicht nur ein Getränk, sondern oft auch ein Lebensgefühl.
Lebensmittel werden zunehmend Teil persönlicher Identität und sozialer Kommunikation. TikTok, Instagram und andere soziale Medien verstärken diesen Effekt enorm. Besonders erfolgreiche Trends sind oft visuell spektakulär: egal, ob leuchtend grün oder intensiv lila. Das Auge isst immer mit.
Viele unserer Foodtrends schwappen aus den USA in Richtung Europa. Warum? „Sie hängen sehr stark von Celebrities ab“, weiß Nachhaltigkeits- und Kommunikationsexpertin sowie Gastrosophin Birgit Farnleitner. US-Stars verfügen über die nötige Reichweite. Den Quinoa-Trend vor einigen Jahren führt Farnleitner etwa auf die damalige First Lady Michelle Obama zurück. Die Besonderheit des ursprünglich aus den Anden stammenden Pseudogetreides? „Quinoa hat den Vorteil, dass sie ebenso wie heimische Hirse oder Mais glutenfrei ist. Letztere sind für uns aber vielleicht nicht so sexy.“ Damit sind wir beim Exotik-Faktor vieler Foodtrends.
Oft werden Lebensmittel als Synonym für Gesundheit, Lifestyle und Nachhaltigkeit vermarktet, doch es lohnt sich, einen genaueren Blick auf gehypte Produkte zu werfen. Nicht alles, was pflanzlich, bunt und exotisch ist, tut Mensch und Umwelt automatisch gut.
Was bedeutet Superfood?
- Der Begriff „Superfood“ ist rechtlich nicht geschützt und wissenschaftlich nicht eindeutig definiert.
- Gemeint sind meist Lebensmittel, die als besonders nährstoffreich oder gesundheitsfördernd vermarktet werden.
- Oft handelt es sich dabei um einen Exoten pflanzlichen Ursprungs, der weite Transportwege hinter sich hat.
- Auch der gesundheitliche Nutzen ist nicht zwangsläufig ernährungswissenschaftlich belegt.
Ube: Der lila Star aus den Philippinen
„Ernährungsphysiologisch ist Ube solide, aber kein Wundermittel“, sagt Lia Carlucci. Die Ernährungswissenschaftlerin und CEO von Food Campus Berlin sieht den aktuellen Hype um die violette philippinische Yamswurzel kritisch. „Der Haken: Sobald Ube als Latte oder Eis mit viel Zucker im Regal landet, bleibt von diesem Vorteil wenig übrig. Der Trend verkauft die Farbe, nicht die Knolle“, ist sie überzeugt.
Ähnlich die Einschätzung von Birgit Farnleitner: Vom ursprünglichen Geschmack sei in Latte und Co. ohnehin kaum mehr etwas spürbar. Es gehe bei diesem Trend vorrangig um die Farbe. „Rote Rübe kann das auch“, gibt sie mit Blick auf die langen Transportwege von Ube zu bedenken. Hinsichtlich Wirkung, Färbung und vanillig-nussiger Note komme violette Süßkartoffel der Yamswurzel am nächsten, weiß Lia Carlucci. Zwar ist auch Süßkartoffel keine traditionell europäische Knolle, einige Sorten gedeihen hier aber inzwischen erfolgreich.
Matcha: Grünes Pulver mit großer Wirkung
Matcha gilt als Superstar unter den Trendgetränken. Aus gesundheitlicher Sicht spricht im ersten Moment einiges für das fein gemahlene Grünteepulver aus Japan. So soll sich Matcha etwa positiv auf das Herz-Kreislauf-System sowie den Stoffwechsel auswirken. Ökologisch ist die Bilanz jedoch nicht ganz so grün wie die Farbe des Getränks.
Warum also nicht zu regionalen Kräutertees greifen anstatt Matcha aus tausenden Kilometern Entfernung zu importieren? Birgit Farnleitner gibt noch einen Punkt zu bedenken: „Japaner*innen würde nie einfallen, Matcha-Pulver in Milch aufzulösen, Zucker dazuzugeben und das zu trinken. Das hat nichts mehr mit Gesundheit zu tun.“
Avocado: Symbol eines Nachhaltigkeitsparadoxons
Vermutlich steht kein Lebensmittel so sehr für den Konflikt zwischen gesunder Ernährung und ökologischer Verantwortung wie die Avocado. Die Frucht ist zweifellos köstlich, ihre Schattenseite: Sie benötigt große Mengen Wasser. „Ein Kilo Avocado braucht je nach Region bis zu 1.000 Liter“, weiß Lia Carlucci. Hinzu kommen lange Transportwege sowie soziale und ökologische Probleme durch den expandierenden Anbau.
Völlig bedenkenlos könne keine Avocado genossen werden, stellt die Expertin fest. Im Vergleich zu Ware aus Südamerika seien Bio-Avocados aus Spanien aber jedenfalls die bessere Wahl. Warum? Kürzere Transportwege und EU-Standards in Sachen Pestizide. Carluccis Rat an Avocado-Fans: „Bewusst, und wenn, dann am besten Bio aus Europa“.
Wem es beim Genuss von Avocados vorrangig um die Inhaltsstoffe gehe, der könne die grüne Frucht auch gut durch regionale Walnüsse ersetzen, empfiehlt Nachhaltigkeitsexpertin Farnleitner. „Das Geschmackserlebnis und das Mundgefühl ist aber natürlich ein anderes.“
Kokosöl: Das missverstandene Wundermittel
Ein besonderes Geschmackserlebnis bietet auch Kokosöl. Noch vor wenigen Jahren schien das exotische Pflanzenfett die Antwort diverse Ernährungsfragen zu sein. Es sollte beim Abnehmen helfen, das Herz schützen und die Konzentration fördern. Viele dieser Behauptungen betrachtet die Wissenschaft heute deutlich nüchterner.
„Kokosöl besteht zu rund 90 Prozent aus gesättigten Fettsäuren und erhöht nachweislich das LDL-Cholesterin“, erklärt Lia Carlucci vom Food Campus Berlin. Auch der Mythos als Abnehm- oder Herzwunder sei nicht belegt. Dazu kommen auch hier lange Transportwege und eine entsprechend schlechte Klimabilanz.
Gegenüber heimischen Produkten erkennt die Expertin keinen Vorteil im Kokosöl, „weder gesundheitlich noch ökologisch“. Seinen Platz hat es Carlucci zufolge als gelegentlicher Geschmacksgeber in der asiatischen Küche. Sie selbst verwendet zum Braten und Backen raffiniertes, für den Salat kaltgepresstes Olivenöl – beides aus eigenem Anbau in Süditalien.
Trendprodukte & regionale Alternativen
- Ube: Die violette Yamswurzel begeistert mit ihrer intensiven Farbe und sorgt auf Social Media für Hingucker. Regional liefern Rote Rüben, Heidelbeeren oder violette Kartoffeln einen ähnlichen Farbeffekt – oft mit mehr Geschmack.
- Matcha: Das importierte, fein gemahlene Grünteepulver liefert einen sanften Koffeinkick, ist jedoch oft stark gesüßt. Heimischer Kräutertee, Brennnessel, Minze oder Melisse bieten ebenfalls aromatische Alternativen.
- Avocado: Ihre cremige Konsistenz und das gesunde Image machen die Avocado zum Dauertrend, dabei ist ihr Anbau sehr wasserintensiv. Walnüsse, Leinöl oder Erbsencreme bringen ähnliche Nährstoffe und Cremigkeit – regional und mit deutlich kürzeren Transportwegen.
- Kokosöl: Vielen Gerichten verleiht Kokosöl eine exotische Note und wird häufig als Superfood vermarktet – beachte jedoch den hohen Anteil an gesättigten Fettsäuren. Für die tägliche Küche sind heimische Pflanzenöle wie Raps- oder Sonnenblumenöl sowie Olivenöl aus Europa meist die nachhaltigere Wahl.
- Quinoa: Das exotische, glutenfreie Pseudogetreide ist reich an Eiweiß und gilt als moderne Beilage. Heimische Alternativen wie Hirse, Buchweizen oder Mais überzeugen ebenfalls mit wertvollen Inhaltsstoffen und passen hervorragend in die regionale Küche.
Zwischen Exotikfaktor und regionalem Genuss
Wie gelingt es, angesichts ökologischer und ernährungswissenschaftlicher Überlegungen die Freude am Urlaubsfrühstück nicht zu verlieren? Nachhaltigkeitsexpertin und Gastrosophin Birgit Farnleitner setzt auf bewussten Genuss und offene Kommunikation. Man brauche nicht völlig auf Importprodukte zu verzichten. Im Alpenraum müssen aber weder Ananas noch Avocado 365 Tage am Frühstücksbuffet zu finden sein, so die Expertin. Ihr Vorschlag an Hoteliers: Ein paar Tage im Jahr bewusst Avocado von Bio-Produzent*innen aus Spanien anbieten, wenn die Avocado dort Saison hat.
Wer ganz auf Exoten verzichten möchte, könne statt mit Ube etwa mit Heidel- oder Johannisbeeren Farbe auf den Speiseplan bringen. Denn: „Regionale Produkte machen den Gästen das Urlaubserlebnis im wahrsten Sinne des Wortes schmackhaft.“
„Wenn ich, wie neulich von René Zimmermann, Flusskrebse auf Walnuss-Essenz mit Sellerie und Apfel esse, dann fehlt es mir an nichts“, schwärmt Farnleitner etwa von einer regionalen Slow-Food-Kreation des Waldviertler Kochs.
Die Zeit ist reif für Altes
Übrigens: Foodtrends sind oft gar nicht so neu und einzigartig, wie man meinen mag. „Die meisten Menschen denken bei Foodtrends an das, was gerade auf TikTok auftaucht. Ich schaue lieber 20 Jahre zurück“, verrät Lia Carlucci. Eine Studie der US-amerikanischen Northwestern University habe gezeigt, dass der 20-Jahres-Zyklus in der Populärkultur keine Vermutung sei, sondern mathematisch real.
„Generationen lehnen die Symbole der Vorgänger*innen ab. Nach etwa 20 Jahren wirken dieselben Symbole für die nächste Generation wieder sicher. Und Nostalgie braucht Zeit, um sich von ‚altmodisch‘ zu ‚charmant‘ zu wandeln. Das gilt für Mode, für Musik und genauso für Essen“, so Carlucci.
Als Beispiele nennt sie Ginseng-Kaffee aus den Nullerjahren der heute als Adaptogenic Coffee sein Comeback feiere, Sauerkraut, das Jahrzehnte lang als Hausmannskost bekannt war und nun als Gut-Health-Superfood gelte und Tofu, den die Gen Z als günstigstes, cleanes pflanzliches Protein wiederentdeckt habe. Kein Wunder also, dass Change Maker Hotels für Superfood oft auf Omas und Urli-Omas Rezeptbücher setzen.
Regionaler Fokus in Change Maker Hotels
Dass (gesundheits-)bewusste Ernährung rein gar nichts mit Verzicht zu tun hat, stellt etwa auch Küchenchefin Parvin Razavi mit ihrer pflanzenbasierten Gourmetküche im Restaurant &flora des Wiener Change Maker Hotels Gilbert täglich eindrucksvoll unter Beweis. Dort und im Hotel Hochschober auf der Turracher Höhe werden sogar Köch*innen in der vegetarischen Kochlehre geschult.
In den Change Maker Hotels beginnt guter Geschmack mit der Nähe zu den Menschen, die ihn möglich machen. Viele Gastgeber*innen kennen ihre Produzentinnen und Produzenten persönlich, besuchen ihre Höfe und bauen über Jahre gewachsene Partnerschaften auf. Manche Hotels bewirtschaften sogar ihre eigene Landwirtschaft, halten Tiere oder ernten Gemüse, Kräuter und Obst aus den hauseigenen Gärten.
Gekocht wird gerne mit dem, was die Saison gerade schenkt – in manchen Häusern in zertifizierter Bio-Qualität, in einigen Häusern nach den Prinzipien von Slow Food. So landen keine austauschbaren Gerichte auf dem Teller, sondern ehrliche Küche, die ihre Region erzählt und den Menschen dahinter eine Bühne gibt.
Creative Head Parvin Razavi vom Restaurant &flora im Hotel Gilbert
Haubenkoch Peter Pichler vom Naturhotel Molzbachhof
Besondere Küche in Change Maker Hotels
Einige Change Maker Hotels haben sich der Slow Food Philosophie verschrieben:
- Hotel Bergergut | Oberafiesl, Oberösterreich
- Naturhotel Chesa Valisa | Hirschegg, Vorarlberg
- Hotel & Restaurant Krone | Hittisau, Vorarlberg
- Retter Bio-Natur-Resort | Pöllau, Steiermark
- Der Daberer – das Biohotel | Dellach, Kärnten
- Hotel Gut Trattlerhof | Bad Kleinkirchheim Kärnten
- Hotel Tyrol Dolomites Slow Living | St. Magdalena, Südtirol
- Berghotel Sexten | Sexten, Südtirol
- Green Luxury Hotel Pfösl | Deutschnofen, Südtirol
- Hubertus Mountain Refugio Allgäu | Balderschwang, Bayern
- Hotel Sturm | Mellrichstadt, Bayern
- Hotel Maier | Friedrichshafen, Baden-Württemberg
100 Prozent zertifizierte Bio-Küche erwartet dich in diesen Change Maker Hotels
- Naturhotel Chesa Valisa | Hirschegg, Vorarlberg
- Biohotel Bergzeit | Zöblen, Tirol
- Retter Bio-Natur-Resort | Pöllau, Steiermark
- Der Daberer – das Biohotel | Dellach, Kärnten
Besonders spannend sind auch die Küchenkonzepte dieser Change Maker Hotels, die vom Michelin ausgezeichnet wurden:
- Naturhotel Molzbachhof | Kirchberg am Wechsel, Niederösterreich
- Hotel & Restaurant Krone | Hittisau, Vorarlberg
- Wirtshaus Steirereck am Pogusch | Pogusch, Steiermark
- Hotel & Gasthof Zum Hirschen | Jenesien, Südtirol